SCENIC 55 – 2016

TRAIL TRAIL TRAIL !!!

18.06.2016

 

„Looking back it was easy…“  gibt uns Groove Armadasozusagen als Einstimmung das Motto für den Ultratrail vor.„Das sollten wir morgen auch sagen können…“  deutet Gerhard im Auto auf die gut 56 Kilometer am Weg nach Salzburg hin.

Eine Stunde vor dem Start herrscht am Salzburger Residenzplatz bereits reges Treiben. Viele Teilnehmer sind schon vor Ort und befinden sich in den Vorbereitungen für die bevorstehende Aufgabe. Und Minuten später laufen auch schon die Starter der 103-KM-Distanz nach der ersten Runde durch den Zielbereich. Sie werden begeistert von allen Anwesenden eingeklatscht. Die Vorfreude vor unserem Start steigt nun ins Unermeßliche und Gerhard und ich fühlen uns gut gerüstet.

„Voll gestopft mit Adrenalin tauchen wir in den Trail ein und klimmen den schattigen Anstieg empor.“

Pünktlich um 09:30 klatschen wir uns noch mal ab, wünschen uns „Alles Gute“ und dann starten wir gemeinsam mit etwa 170 Mitstreitern. Die ersten Kilometer entlang der Salzach pendeln wir uns bei etwa 12 km/h ein. Ich habe ständig das Gefühl, dass ich mich unbedingt einbremsen muss, um ja nicht zu schnell zu starten. Gerhard und ich laufen mit einigen Abstand hinter den ersten dreißig bis vierzig Läufern und führen eine weitere größere Gruppe an. Wir unterhalten uns noch locker über kommende Ziele und stimmen uns auf den ersten Anstieg zur Glasenbach-Klamm ein.

Nach fünf Kilometer zersplittert die Gruppe und nun beginnt es so richtig Spaß zu machen. Voll gestopft mit Adrenalin tauchen wir in den Trail ein und klimmen den schattigen Anstieg empor. Es fällt mir noch relativ leicht, ich fühle mich fit und Gerhard ist stets hinter mir. Einige Teilnehmer werden bereits eingeholt, aber sollte sich dieses Anfangstempo nicht doch rächen? Die Euphorie überwiegt aber bei Weitem und nach 47 Minuten erreichen wir die erste Labstelle bei etwa Kilometer 10. Nach einer kurzen Erfrischung geht es wieder flott weiter die Peschauer Scharte hinauf. Gerhard befindet sich einige Schritte vor mir und auf den folgenden Kilometern geht es nun ständig auf und ab. Wir genießen jetzt den Bewerb in vollen Zügen. In der herrlichen Landschaft springen wir auf den weichen Waldwegen im angenehmen Schatten über das Wurzelwerk der Fichten und Tannen. Voller Begeisterung reiße ich die Arme in die Höhe und rufe einen Jubelschrei in die Stille: “Juhuhui!!!“

„Mein Bruder hingegen, forciert das Tempo weiter und er soll noch ein ausgezeichnetes Rennen abliefern.“

Überwältigt von dieser Begeisterung übersehen wir eine Markierung und verlaufen uns kurz etwa zweihundert Meter beim Plötzer Wasserfall. Einige Teilnehmer, welche bereits eingeholt wurden, sind nun wieder vor uns. Durch diese Unachtsamkeit hasten wir wieder den Anderen bergauf hinterher und irgendwie merke ich plötzlich, dass meine Atmung etwas schwerer wird. Oben angekommen, fühle ich mich nicht mehr ganz so spritzig und deshalb lasse ich mich bei Kilometer 18 etwas zurück fallen. Mein Bruder hingegen, forciert das Tempo weiter und er soll noch ein ausgezeichnetes Rennen abliefern. Ich laufe nun alleine und die gemeinsame Zielankunft von uns beiden ist somit vom Tisch.

Nach dem die ersten Anstiege hinter mir liegen und ich mich nun wieder auf den Landstraßen orientiere, merke ich die erhöhte Sonneneinstrahlung. Aus Unachtsamkeit habe ich die zweite Labstelle nur im langsamen Vorbeilaufen genützt und wenig getrunken. Ich merke nun wie meine Schritte zunehmend schwerer werden. Am Südufer des Fuschlsee macht sich der starke Flüssigkeitsverlust nun ganz besonders bemerkbar. Schleppend laufe ich noch immer alleine weiter und fühle mich immer schwächer. Ich sehne bereits die Labstelle in Fuschl am See bei Kilometer 30 herbei . Dort warten wieder erfrischende Getränke und andere Stärkungen. Ich nehme mir nun etwas mehr Zeit und bleibe kurz stehen. Allerdings immer noch voller Hektik trinke ich Wasser und etwas Cola und probiere von den Orangen und Bananen. Neu motiviert klatsche ich auch meine Familie ab, die mich begeistert anfeuert und mir den eingeplanten Trinkgurt überreicht.

„Die Pause war eine kurze mentale Stärkung, aber Minuten später melden sich die schmerzenden Beine gnadenlos zurück.“

Voller Zuversicht starte ich die zweite Hälfte des Ultramarathons. Die Sonne brennt jedoch immer stärker herunter und die 0,5-Liter-Trinkflasche ist nach zehn Minuten schon wieder leer. Ich habe sie in zwei  Zügen ausgetrunken. Mein Durst ist nach wie vor riesengroß. Der Schweiß tropft im Sekundentakt vom vorderen Rand meiner weißen Kappe. Viele Wanderer stehen am Wegrand und gehen am schmalen Weg zur Seite. Knapp zwanzig Minuten später läuft ein weiterer Teilnehmer auf. Wir unterhalten uns kurz und motivieren uns gegenseitig. Gottfried mit Startnummer 288, bleibt manchmal kurz stehen, um seine Beine zu dehnen und ich werde immer langsamer. So bewegen wir uns Kilometer für Kilometer dahin. Das Tempo beträgt nun je nach Steigung 5:20 bis 5:45.

Nach etwa 38 Kilometer erreichen wir die gefürchtete Steigung direkt vor Hof bei Salzburg mit dem Namen „The Climb“. Ich fühle mich aber schon vollends ausgelaugt und irgendwie wanke ich den steilen Anstieg hinauf. Oben an der vierten Labstelle bei etwa Kilometer 40 erwartet mich wieder meine Familie und ich lege den Trinkgurt beiseite. Hier nehme ich mir etwas mehr Zeit und trotte nach etwa zwei Minuten Pause mit einer Pace von 5:30 mit Gottfried weiter. Lautstark werden wir noch von der Labe verabschiedet und seine Freunde stimmen uns noch mit dem Ratschlag „Bleibts zam!“ auf die weiteren Kilometer ein. Mehr schlecht als recht stiefeln wir auf der Gemeindestraße dahin. Die Pause war eine kurze mentale Stärkung, aber Minuten später melden sich die schmerzenden Beine gnadenlos zurück. An allen möglichen und unmöglichen Stellen an Ober- und Unterschenkel spüre ich kleine Stiche. Es ist beinhart. Gottfried muss stehenbleiben und die Beine etwas entkrampfen. Ich versuche das Tempo irgendwie zu halten und so teilen wir uns wieder auf.

Einige hundert Meter danach merke ich, wie ein Radfahrer mit seinem Mountain-Bike hinter mir langsam heranrollt. „Wahrscheinlich vom Organisations-Team“ denke ich und an der kommenden Kreuzung überholt er mich schließlich. Ich folge ihm, ohne auf die Markierungen zu achten. Ich laufe ein leichtes Bergab-Stück hinunter und achte auf einen ökonomischen Laufstil. Es fällt mir wieder leichter und ich habe wieder ein Hoch. Es geht weiter hinunter, ich laufe wieder Pace 5:00, aber irgendetwas ist anders. Irgendetwas fehlt. Plötzlich bleibe ich ganz abrupt stehen. „Ich sehe keine Markierungen mehr! Habe ich mich jetzt etwa verlaufen?“ Bei dem Gedanken wird mir schlecht. Ich drehe mich um und sehe in der Ferne hinter mir die anderen Läufer in einer anderen Richtung laufen.

Zack! Es ist fix, ich habe mich wieder verlaufen! Die Gedanken lassen sich nun kaum in Worte fassen. Ich versuche es trotzdem: Mir bleibt kurzfristig die Luft weg. Ich spüre einen schalen Geschmack auf der Zunge. Meine Beine zittern. Ich bin völlig am Boden zerstört und entmutigt. Ich fühle mich allein gelassen, wie ein kleines Kind, das den Weg nicht mehr zurück findet. Irgendwo ausgesetzt. Jetzt ist es aus. Ich gebe auf. Ich drehe mich um und denke: „Jetzt da die ganze Strecke herunter war umsonst, und ich muss da wieder hinauf laufen?!“ Ich will nicht mehr und ich kann nicht mehr. Ich wollte diesmal unbedingt eine gute Platzierung erreichen. Die Schuhe sind gedanklich bereits aufgeschnürt und voller Wut auf die Straße geschleudert. Ich möchte einfach aufhören. Ich sehe schon das DNF hinter meiner Startnummer in der Ergebnisliste. Ich bleibe stehen und Minuten vergehen. „Nein!“, sagt dann aber mein letzter Rest Kraft. Das will ich nicht. Kein DNF! „So beende ich diesen Lauf nicht!“ und dann gehe ich völlig entkräftet und deprimiert die Straße wieder hinauf. „Ja richtig, jetzt sehe ich es, da oben an der Kreuzung wäre die Abzweigung gewesen. Ich bin einfach dem Radfahrer hinterher gelaufen.“ Und irgendwie nehme ich wieder Tempo auf. Es ist eine  Abwechslung zwischen Wanken, Gehen und langsam Trappeln.

“ Ich bin wütend auf mich selbst und alles um mich herum.“

Dann erreiche ich den Salzburg Ring. Es ist gerade ein Autorennen und ich laufe am Rand zwischen den Zuschauern vorbei und folge aufmerksam der Markierungen. Der Lärm ist aber sehr irritierend für mich. Der Enttäuschung ist nun einer Menge Ärger gewichen. Ich bin wütend auf mich selbst und alles um mich herum. „Das mache ich nie mehr wieder!“ Die Platzierung ist mir egal, die Zeit ist mir egal, der Lauf ist mir egal. Die Hitze ist mir egal. Alles ist mir egal. Ich laufe irgendwie weiter. Meine Gedanken sind nun überall nur nicht beim Laufen, so „vergesse“ ich die Anstrengung.

wp_ultra4Dann sehe ich plötzlich wieder Läufer vor mir. Ich hole auf. Das gibt mir wieder Zuversicht. Und an einer Kilometertafel sehe ich im Vergleich zu meiner GPS-Uhr, dass ich mich etwa 1,2 Kilometer verlaufen habe. Mit allem Drum und Dran, rechne ich mit einem Zeitverlust von gut fünfzehn Minuten.

„Es ist der Galgenhumor, der mich wieder aufweckt.“

Bei Kilometer 46 erreiche ich nun die letzte Labstelle vor dem Ziel. Zwei Teilnehmer erfrischen sich bereits und zwei Andere treffen unmittelbar nach mir ein. So sind wir eine Männerrunde von fünf Läufern. Ich nehme mir nun etwa fünf Minuten Zeit. Hektik habe ich jetzt keine mehr. Im Gespräch motivieren wir uns mit lockeren Sprüchen für die letzten zehn Kilometer. Und ich kann wieder lachen. Es ist der Galgenhumor, der mich wieder aufweckt.

Auf den nächsten fünf bis sechs Kilometern hat die Strecke nun ein Gefälle von etwa 300 Höhenmetern. Ich spüre die zweite Luft und es geht mir wieder besser. Wesentlich besser. Ich kann einige Läufer einholen und das gibt mir zusätzlichen Auftrieb. Bei Kilometer fünfzig wage ich wieder einen Jubelschrei. Noch sechs „lächerliche“ Kilometer. Es geht weiter hinunter und hinein in die Stadt Salzburg. Und plötzlich sehe ich Gottfried wieder vor mir. Der Kampfgeist ist wieder voll da und ich kann mein Tempo nochmals verschärfen. Auf der geraden Asphaltstraße kann ich wieder eine 5er-Pace laufen. Natürlich ist es reine Kopfsache. Ich möchte unbedingt doch noch das Bestmögliche für mich herausholen. Die Schmerzen sind im hintersten Hirnkästchen abgesperrt. Ich spüre sie nicht mehr.

Jetzt der Kapuzinerberg. Der Schicksalsberg vom vorigen Jahr. Langsam laufe ich bis zu den ersten Stufen hinauf. Ich sehe Gottfried auf einer Bank und wünsche noch viel Glück und „hoffentlich sehen wir uns bald im Ziel.“

Dann zack, ein grausamer Stick im Unterschenkel. Ein Minute Pause. Dann geht’s weiter hinauf. Richtig, ich gehe wieder. Ich passiere einige Fotostellen und frage einen Fotograf vor einer Abbiegung nach dem Weg: „Da hinüber?“ „Ja, da hinüber und dann noch 100 Kilometer.“ Ich kann trotzdem lachen.

„Aber mit dem Ziel vor Augen, ist es eine unbeschreibliche Vorfreude.“

Hinunter ist es nun mindestens so anstrengend, wie vorher bergauf. Aber mit dem Ziel vor Augen, ist es eine unbeschreibliche Vorfreude.  Unten angekommen, laufe ich hastig über die Salzach, durch die volle Getreidegasse direkt über den alten Markt. Manche Passanten feuern mich noch an und schließlich sehe ich den Residenzplatz vor mir. Das erlösende Ziel. Ich habe es geschafft. Ich balle die Faust und von Emotionen gebeutelt, „schwebe“ ich dann über die zweihundert Meter lange Finishline. wp_ultra1

Nach sechs Stunden, fünf Minuten und siebenundzwanzig Sekunden erreiche ich das Ziel. Gänsehautfeeling pur! Ich kann es kaum glauben. Andere Mitstreiter gratulieren spontan. Ich bin unter meinesgleichen. Warum ich so einen langen Lauf bestreite, wurde ich manchmal gefragt. Hier habe ich die Antwort. Es ist pure Freude. Ich habe es geschafft.

Fazit: Das einleitende Motto kann ich zwar nicht unterschreiben, jedoch für meinen Bruder trifft es hundertprozentig zu. Er konnte von Start bis ins Ziel an Tempo zulegen und erreichte den ausgezeichneten 5. Gesamtrang. Bei mir spielte die Unerfahrenheit und die Hektik bei den ersten Labstellen eine gewichtige Rolle. Alles in allem überwiegt aber natürlich die Euphorie, der Triumpf über die Distanz und die Genugtuung nach dem kurzfristigen Rückschlag doch noch durchgebissen zu haben. So erreichte ich dieses Mal den 24. Gesamtrang.