LINZ

PERSÖNLICHE BESTLEISTUNG

19.04.2015

 

Die Austragung der Staats- und Landesmeisterschaft war für mich der ausschlaggebende Beweggrund beim Borealis Linz Donau Marathon am 19.04.2015 teilzunehmen. Meine Trainingsvorbereitung startete bereits fünf Monate zuvor. Ich wollte nichts dem Zufall überlassen und folgte meinem Trainingsplan mit einer kontinuierlichen und leistungssteigernden Vorbereitung.

Die Teilnahme beim Eisbärlauf-Cup war eine wichtige Überprüfung meiner Laufleistungen. Ich konnte mich bei den Bewerben von anfangs 4:00 über 3:59 auf schließlich 3:57 durchschnittliche Kilometerzeit steigern. Einziges Pech: ich konnte danach krankheitsbedingt knapp zwei Wochen lang nicht trainieren. Der Trainingsausfall war genau drei Wochen vor dem Lauf in Linz. Die letzten beiden entscheidenden langen Läufe mit Endbeschleunigung konnte ich nicht mehr absolvieren. Eine gewisse Unsicherheit macht sich breit. Wie wird es mir auf den letzten Kilometern in Linz ergehen?

Raceday. Nach langer Vorbereitung kann ich nun meinen siebten Marathon laufen, und hoffentlich erfolgreich beenden. Mit meinen beiden Freunden und Laufkollegen Alex und Weix schlendern wir zum Start und beginnen dort in der Nähe mit dem Einlaufen. Fünf Minuten vor dem Startschuß reihe ich mich in das Feld ein. Um 09:30 Uhr wird der Countdown auf der Voest-Brücke heruntergezählt. Ich starte etwa drei Meter hinter dem Elitefeld. Ein Novum in meiner Laufbahn als Marathonläufer. Vom ersten Meter an, kann ich mein geplantes Tempo anlaufen. Als zusätzlichen Ansporn dröhnt das bekannte Lied „An Tagen wie diesen“ während des Starts aus den Lautsprechern, und das Feld zieht sich bereits zu Beginn weit auseinander. Ich sehe einige bekannte Gesichter und wünsche Ihnen laufend noch Alles Gute.

„Es ist ein tolles Gefühl über die autofreie Autobahn zu laufen, doch schlagartig wird mir beim ersten Kilometer schlecht.“

Es ist ein tolles Gefühl über die autofreie Autobahn zu laufen, doch schlagartig wird mir beim ersten Kilometer schlecht. Ich habe offensichtlich den Start-Button meiner Laufuhr nicht richtig gedrückt. Es wird keine Pace angezeigt. Meine gesamte Taktik scheint den Bach hinunter zu gehen. Meine auswendig gelernten Durchgangszeiten für die Kilometer 10, 21,1 25, 30, 35 sind somit hinfällig. Ich beschließe Ruhe zu bewahren und drücke bei der zweiten Kilometertafel auf Start. Für die ersten beiden Kilometer berechne ich einfach 8:30 Minuten.

Unbewusst reihe ich mich nach den ersten Kilometern in eine Halbmarathon-Gruppe ein. Das Tempo ist doch einige Sekunden schneller als geplant, ich kann jedoch die ersten vierzehn Kilometer – wie eine Regel besagt – relativ locker absolvieren. Durch die ständige Überprüfung meiner Laufuhr merke ich natürlich, dass ich eine Spur schneller laufe als mein geplantes Tempo vorsieht. Durch die Anfeuerungsrufe vieler Schaulustiger und dem Adrenalin in meinen Adern kann ich das Tempo beinahe spielerisch halten. Ich fühle mich entspannt und topmotiviert.

Kilometer 19: die erste Runde ist bald absolviert und ich laufe zum ersten Mal auf dem Kopfsteinpflaster in Richtung Linzer Hauptplatz. Vor mir sehe ich einen Banner, mit dem Hinweis: Marathon links und Finisher (HM) geradeaus. Ich genieße die Atmosphäre doch plötzlich zeigt ein Ordner auf mich und ruft: „Marathon links“. Ich wäre doch glatt vorbei gelaufen!

Nach dieser Schrecksekunde konzentriere ich mich auf die HM-Marke und überlaufe sie laut meiner Rechnung bei etwa einer Stunde achtundzwanzig Minuten. Ich prüfe meinen Laufschritt, meine Atmung sowie die gesamte Belastung nach der ersten Hälfte. Nach wie vor fühle ich mich locker und könnte jederzeit das Tempo verschärfen. Die Zuschauer am Streckenrand feuern uns lautstark an geben mir die nötigen Impulse. Auf dem Weg zum Wendepunkt bei Kilometer 24,3 treffe ich Weix und Alex, welche beide ebenfalls noch einen sehr lockeren und entspannten Eindruck machen.

„Ich entscheid mich bewusst, das Tempo zu drosseln.“

Ich bewege mich auf den 28. Kilometer hinzu und bin die letzten sechs bis sieben Kilometer großteils alleine gelaufen. Vor oder hinter mir hatte sich keine Gruppe mehr gebildet. Die Wetterlage ist weiterhin sehr angenehm. Es ist ideales Laufwetter. Ich habe bei allen Labstellen ein paar Schluck Wasser getrunken, doch merke ich nun bei Kilometer 30, daß es mir überraschenderweise nun völlig unangemeldet schwer fällt das geplante Tempo zu halten. Bis dato bin ich pausenlos drei bis vier Sekunden schneller gelaufen, als ursprünglich geplant. Ich entscheide mich bewußt, das Tempo zu verlangsamen.

Im sogenannten Streckenabschnitt Wasserwald kann ich mich kurzfristig ein weinig erholen. Ich bereite mich gedanklich aber doch noch auf zehn harte Kilometer vor. Kilometer 33: die Beine werden schwerer. Ich verlangsame nochmals meine Geschwindigkeit. In dem Bewußtsein ein zeitliches Guthaben für meine Zielzeit aufgebaut zu haben, beruhigt mich einigermaßen. Doch das Guthaben schmilzt unaufhörlich. Die Schritte werden immer schwerer.

„In meinem Kopf spielen sich nun Dramen ab.“

Völlig unerwartet höre ich plötzlich hinter mir ein lautes, eher rhythmisches Trommeln. Erschrocken drehe ich mich um und bemerke den Pacemaker mit der Fahne 2:59:59. Ein Traube von Läufern folgt ihm dicht hinterher. Durch die Ballung der zehn bis zwölf Marathonis entsteht dieses geräuschvolle Hämmern auf den Asphalt. Natürlich versuche ich mich dieser Gruppe anzuschließen. Bald muß ich allerdings erkennen, daß ich die Pace auf Dauer nicht mehr mithalten kann. In meinem Kopf spielen sich nun Dramen ab. Für mich ist es ein psychischer Genickbruch. Nun ist klar, daß ich meine Zielzeit nicht mehr erreichen kann. Es passiert kurz vor dem 35. Kilometer.

wp_li01Die Glykogenspeicher sind völlig entleert. Meine Wahrnehmungsfähigkeit nimmt kontinuierlich ab. Tunnelblick! Jetzt ist dieser Lauf ein Marathon, wie ihn sich viele vorstellen: extrem anstrengend. Der 37. Kilometer dauert eine gefühlte Ewigkeit. Die Zuschauer und die Anfeuerungsrufe nehmen wieder zu. Aber noch vier harte Kilometer. Ich laufe nun zwanzig Sekunden über Marathon-Pace. Die Beine schmerzen schon enorm. Ich habe keine Kraft mehr. Die krankheitsbedingte Trainingspause rächt sich nun doppelt. Die Zielzeit ist mir nunmehr egal. „Eine neue persönliche Bestleistung wird sich schon noch ausgehen.“ überlege ich noch. Das Ziel rückt zwar immer näher, aber dieser verdammte 40. Kilometer mag einfach nicht enden.

„Wir klatschen uns ab und gratulieren uns beide zu unseren neuen persönlichen Bestleistungen.“

Jetzt noch zwei Kilometer bis zur Zielmatte. Ich kann es kaum noch erwarten. Arme, Schultern, Oberschenkel, Unterschenkel, Sohlen: ich bin völlig erledigt. Aber die letzten paar hundert Meter kann ich noch ein letztes Mal beschleunigen und die Zuschauermenge trägt mich über das Kopfsteinpflaster bis ins Zielstadion. Weix bemerkt mich sofort nach der Ziellinie und kommt mit einer Erfrischung schnurstracks auf mich zu. Wir klatschen uns ab und gratulieren uns beide zu unseren neuen persönlichen Bestleistungen. Alex komplettiert noch unsere Mannschaftsleistung des SV St. Margarethen. In der Gesamtwertung erreichen wir den 14. Rang in der Teamwertung.

OLYMPUS DIGITAL CAMERABei meiner Premiere bei  der Teilnahme der österreichischen Marathon-Staatsmeisterschaften erreiche ich den 72. Rang von insgesamt 148 Startern. Im Gesamtranking des 14. Borealis Linz Donau Marathon lande ich auf Platz 143 und Platz 23 in meiner Altersklasse.

Trotz der Rückschläge in der Vorbereitungsphase verfehlte ich mein Ziel nur um etwa zwei Minuten und konnte meine bisherige Bestmarke um exakt sechs Minuten verbessern. Nun versuche ich auf diesem Leistungsniveau aufzubauen. Denn trotz der großen Kraftanstrengung auf den letzten Kilometern freue ich mich schon wieder auf die nächste Herausforderung bei einem Marathon, weil „an Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit“ wie im Song der Toten Hosen.