GRAZ

NEGATIVSPLIT

12.10.2013

 

Die Laufbegeisterung war ungebrochen. Neue Ziele wurden gesteckt und es war an der Zeit meine magische Marke von 03:30:00 zu brechen. Der nächste Marathon wurde mit der Anmeldung für den Herbstklassiker in Graz fixiert. Die Bewerbe nach der letzten Teilnahme deuteten auch auf eine Leistungssteigerung hin und so wurde nach dem Wörthersee-Halbmarathon der Countdown eingeläutet. Jetzt gab es auch einen genauen Plan, mit fixen Zeit- und Kilometervorgaben, den ich nach Punkt und Beistrich einhielt.

„Ich fühlte mich großartig, Puls 140, noch keine Gefahr in Sicht.“

Die Ungewissheit vor dem Start war jetzt wieder vorhanden, würde es klappen? Lockere Sprüche sollten meine Anspannung bis zum Startsignal verbergen: „Rekorde kann man nicht erzwingen, die müssen passieren.“ Ich schloss mich wieder dem 3:30 Tempomacher an, der seltsamerweise hinter dem 4-Stunden-Pacemaker startete, was mich aber nicht weiter störte. Ich konnte das Tempo von Anfang an sehr gut mithalten, es war wieder fabelhaftes Laufwetter im Oktober. Der Puls blieb sehr stabil und ich hatte gleich mein richtiges Renntempo gefunden. Nach rund zehn Kilometer bemerkte ich, dass ich automatisch mehrere hundert Meter vor dem 3:30 – Läufer war. Ich fühlte mich großartig, Puls 140, noch keine Gefahr in Sicht. So ging es locker weiter bis zur HM-Marke, welche ich nach genau 01:42:44 durchlief.

Wieder waren alle Halbmarathon-Finisher verschwunden, das Feld wurde spürbar leerer, jedoch „schummelten“ sich jetzt die Staffel-Läufer dazu, wo ich mich einer Gruppe anschloss. Wir hatten eine Pace von ca. 04:45 und ich war der Meinung, mit ihnen laufe ich sicher ins Ziel. Wir unterhielten uns kurz, und erst da wurde mir klar, dass die Gruppe bei Kilometer 31 ausstieg und die Staffel an ausgeruhte Läufer übergab. Angespornt durch diesen Umstand konnte ich das Tempo noch immer gut halten und mein Puls pendelte sich bei etwa 155 Schläge pro Minute ein. Im Nu war der 34. Kilometer erreicht, aber langsam spürte ich auch, dass sich nun eine härtere Phase abzeichnete.

„Wir nahmen sprichwörtlich die Beine in die Hände und gingen voll ans Limit.“

Ich versuchte den lockeren Schritt zu behalten, was auch die Zuschauer honorierten „Guat, schaust noch aus!“, und ich wusste, dass ich unter normalen Umständen meine vorgegebene Zeit sicher ins Ziel bringen würde. Auf den letzten sechs Kilometern fand ich meinen eigenen Pacemaker, einen Staffel-Marathoni, mit dem ich Läufer um Läufer überholte, was mir zusätzliche Energie gab. Kilometer 39, nun gab es nichts mehr zu verlieren. Wir nahmen sprichwörtlich die Beine in die Hände und gingen voll ans Limit. Auch er merkte meine Entschlossenheit und wir pushten uns gegenseitig an. Ich wusste, würde ich jetzt stehen bleiben, dann könnte ich keinen weiteren Schritt mehr laufen.

Noch ein Kilometer, wie viele Gassen würden es noch sein? Gedanklich zählte ich Meter für Meter herunter und plötzlich sah ich meinen Freund und Laufkumpel Alex etwa fünfzig Meter vor mir. Nochmals wurde des Tempo verschärft und so liefen wir beinahe gleichzeitig ins Ziel. 03:24:07. Negativsplit! Diesmal ohne Schmerz, sondern nur mit Stolz, und wieder die Endorphine. Alles war perfekt. What a beautiful day, dont let it get away!