FRANKFURT

MEIN LETZTER MARATHON

30.10.2016

 

„Es ist wieder Marathonzeit!“ stimmte uns der Platzsprecher lautstark auf den 35. Frankfurter Marathon für die kommenden 42 Kilometer ein. Und ich konnte die Anspannung tatsächlich schon spüren. Gerhard und ich wärmten uns ein paar Meter abseits vom Trubel auf und liefen ein paar 300-Meter-Runden um einen kleinen Weiher. Auch einige Elite-Läuferinnen nutzten diesen kurzen Rundkurs und so konnte ich beobachten, wie sich die spätere Siegerin aufwärmte.

Eine halbe Stunde danach haben wir uns bereits rechtzeitig in den Startblocks eingereiht. Viele bekannte Gesichter waren zu sehen. Ralf Scholt und Dieter Baumann blickten von ihrer Plattform herunter. Wir standen ziemlich nah an der Startlinie. „Bleibst du bei mir vorne?“ fragte mich Gerhard, aber ich verneinte. So klatschten wir uns ein letztes Mal vor dem Startsignal ab und ich drängte mich dann wieder zurück.

„Es ging mir ausgezeichnet, ich fühlte mich locker und die Vorfreude war gigantisch.“

Ich beobachtete noch etwas das Geschehen, prüfte ein letztes Mal die Schnürung der Schuhe und dann ging es endlich los. Nach der Startlinie ging es flüssig vorwärts. Ich hatte mich gut eingereiht, alle anderen Teilnehmer neben mir liefen dasselbe Tempo. Es ging mir ausgezeichnet, ich fühlte mich locker und die Vorfreude war gigantisch. Kurz überlegte ich sogar, ob ich das Tempo etwas anziehen sollte, aber schließlich pendelte ich mich bei 4:35 ein. Das war der Plan.

Ich hielt mich an der rechten Seite des Feldes, denn am Ende der Mainzer Landstraße, beim „Platz der Republik“ würde meine Familie auf mich warten und anfeuern. Und tatsächlich konnte ich sie in der Menge erkennen und hörte die Hop-Hop-Rufe. „Jetzt kann nichts mehr schiefgehen!“ Ich war topmotiviert. Die ersten Kilometer waren der reinste Genuss. An jedem Meter feuerte uns die lautstarke Zuschauermenge an. Es war ein herrliches Gefühl. Alle paar Minuten kontrollierte ich meine Pace auf der Uhr, und dadurch gelang es mir gut das Tempo konstant zu laufen. Die 5-Kilometer-Marke erreichte ich ziemlich genau im Soll und immer wieder dachte ich mir: “Lass dir Zeit, lass dir Zeit, heute gibt es keine Bestzeit, genieße einfach den Lauf …“. Und so spulte ich die nächsten Kilometer bei herrlichen Sonnenschein ab. Es war wirklich ein Traumwetter, und sollte sich den ganzen Tag nicht mehr ändern.

„Aber es sollte ganz anders kommen.“

Der zehnte Kilometer brachte am Ende einen leichten Anstieg und ich nahm etwas Tempo heraus. Und nach exakt 46 Minuten passierte ich die 10-KM-Zeitmatte. Voll im Plan. Ich ballte die Faust und weiter ging es wieder leicht bergab. Das Läuferfeld war immer noch dicht, aber ich hatte keine Probleme mein Tempo zu laufen. Alle 2,5 Kilometer konnte man sich Wasserbecher nehmen  und bei den 5-Kilometer-Punkten gab es die volle Auswahl an Verpflegung. Ich nahm mir immer Wasser und Tee, wenn es möglich war.

Ich hatte drei Gel-Chips eingepackt, welche ich bei den Kilometern 27, 32 und 37 nehmen wollte. Aber es sollte ganz anders kommen. Natürlich spürte ich bei jedem Schritt, daß ich bei Weitem nicht austrainiert war und in den letzten vier Wochen aufgrund meiner Knieverletzung nur knapp 80 Kilometer trainieren konnte. Im Frühjahr hatte ich in der Vorbereitungsphase einen ähnlichen Ausfall und konnte eine 3:09 ins Ziel bringen. Deshalb entschloss ich mich für eine Zielzeit von 3:15. Aber –  leider Frau Schneider – hatte ich nach einer guten Stunde das wage Gefühl, dass es heute anders kommen könnte.

„An der Halbmarathonmarke war ich siebzehn Sekunden hinter dem Plan.“

Eine Stunde, neun Minuten nach 15 Kilometer. So wollte es der Plan, und so hielt ich mich daran. Der Flüssigkeitsverlust wurde immer höher und ich nahm jetzt immer zwei Becher pro Labe. Es ging mir noch gut, aber es lief nicht mehr rund. Das Knie machte sich wieder stärker bemerkbar. Beim Aufwärmen spürte ich ein leichtes Ziehen, aber danach war es wieder weg. Jetzt ist es allerdings anders. Der Schmerz nimmt leicht zu. Kontinuierlich. Kilometer für Kilometer und zehn Minuten später denke ich: “Ich glaube das wird doch kein Honiglecken heute…“. Dann der zwanzigste Kilometer. Innerlich freue ich mich, dass ich meine Zwischenzeiten noch gut einhalten konnte, aber die 4:35 geht von der Uhr nicht mehr weg, obwohl ich versuchte schneller zu werden. An der Halbmarathonmarke war ich siebzehn Sekunden hinter dem Plan.

 „Aufgeben? Nein! Niemals! Ich will in die Festhalle! Unbedingt!“

Ich nahm etwas Tempo heraus und in Gedanken korrigierte ich mein Ziel nach unten. „Drei Stunden, vierundzwanzig Minuten ist meine fünftbeste Zeit, das sollte sich ausgehen.“ Ich fasste wieder Mut und weiter ging es. Aber es wurde automatisch langsamer. 4:50 stand auf meiner Uhr. „Na gut, dann laufe ich jetzt eine 5er-Pace und versuche am Ende noch etwas zuzulegen…“ Aber auch das konnte ich nicht mehr halten. In meinen Gedanken spielten sich jetzt Dramen ab. „Erst 23 Kilometer und jetzt schon so langsam. Was soll das heute noch werden??“ Gut ich ging auf 5:15 hinunter. Läufer um Läufer überholten mich jetzt im Sekundentakt. Es wurde immer schwieriger für mich. Das Knie hatte jetzt wieder denselben Schmerzgrad wie im Training zuvor. Das kannte ich jetzt schon, damit konnte ich umgehen. Ich wusste von den Wochen davor, dass es nicht mehr schlimmer werden würde. „Aber was mache ich mit diesem Lauf?  Wie ordne ich den Marathon ein. Wo ist das gute Gefühl von der Startphase?“ Ich schleppte mich vorwärts und spürte bereits leichte Krämpfe an den Oberschenkeln. „Aufgeben? Nein! Niemals! Ich will in die Festhalle! Unbedingt!“

„Aber dann, Zack. Ich musste mitten auf der Straße stehen bleiben.“

Spätestens jetzt war mir klar, dass es noch ein langer Weg werden würde. Ich hatte erst 24 Kilometer hinter mir und noch 16 vor mir. „Wie soll denn das gehen?“ Ich war entmutigt. Das Überholen der anderen Läufer nahm kein Ende. Ich lief jetzt eine Minute pro Kilometer langsamer. So stapfte ich vorwärts. Die Kilometer wurden immer länger, und das Ziel schien immer weiter weg, als näher zu kommen. „Festhalle, Festhalle!“ trichterte ich mir wieder ein. Das war mein Ziel. Die Zielzeit verlagerte sich immer weiter nach hinten. „Aber ich habe noch ein großes Guthaben zu meiner Debützeit, meinem bisher langsamsten Marathon. Und so soll es auch noch lange bleiben.“ Ich biss die Zähne zusammen. Aber dann, Zack. Ich musste mitten auf der Straße stehen bleiben. Ein Muskelkrampf hinderte mich am Weiterlaufen. Sofort half mir ein Zuschauer. Er gab mir eine Magnesiumtablette und stützte mich. An der Seite hörte ich nur aufbauende Worte und andere Zuschauer gaben mir noch etwas Wasser. Der Krampf löste sich wieder langsam und nach einigen Minuten versuchte ich wieder im Schritttempo weiter zu laufen. „Zwei Drittel hast du schon geschafft!“ klatschten mich meine Helfer noch ein. Die“29-KM-Tafel“ stand fast unmittelbar daneben.

„Ich hatte nun ein Dauergrinsen aufgesetzt. Die Zeit war mir so egal wie noch nie zuvor.“

Die folgenden Kilometer waren nun die reinste Wanderung. „I am a wanderer, I roam around, around, around…“ summte ich dahin. Ich musste selber schmunzeln. Ich trabte langsam weiter, immer wieder unterbrochen von einigen Metern Gehpause. Ich wurde noch immer überholt, aber die Frequenz nahm ab. Ich war völlig erledigt und in meinen Beinen spürte ich immer wieder leichte Krämpfe. Die kommenden drei Labstellen boten mir immer wieder eine willkommene Abwechslung und im Vorbeigehen trank und aß ich so viel ich vertragen konnte. Tee und Bananen bauten mich jetzt wieder auf. Meine Gel-Chips hatte ich schon lange verbraucht. Die Gehpausen wurden wieder kürzer und es ging mir körperlich auch etwas besser. Ich erholte mich nun langsam. Ich hatte mein Tief überwunden. Noch fünf bis sechs Kilometer bis ins Ziel. Ich konnte die letzten Kilometer wieder durchgehend laufen. Auch die anderen Mitläufer um mich herum liefen jetzt dasselbe Tempo. Die Zuschauermengen nahmen wieder zu. Die Hotspots wurden immer lauter. Ich sah jetzt auch immer mehr andere Läufer gehen und dehnen. Und bei Kilometer 38 kam der nächste Muskelkrampf. Ich kannte das Prozdere: Mitten auf der Straße ein bisschen Warten, dann an die Seite humpeln und wieder warten bis sich der Krampf löste. Und auch die aufmunternden Worte der Zuschauer halfen mir wieder weiter. Nach zwei Minuten konnte ich schon wieder laufen. Schön langsam in der 6er-Pace ging es vorwärts und ich spürte, dass das Finale nicht mehr weit ist . Ich hatte nun ein Dauergrinsen aufgesetzt. Die Zeit war mir so egal wie noch nie zuvor. Ich wollte einfach in die Festhalle einlaufen, und ich wusste nun endgültig, dass ich es schaffen würde. Die Freude war wieder spürbar. Ich ballte die Faust beim 40. Kilometer. „So kann ich jetzt bis ins Ziel durchlaufen.“ dachte ich mir. Ich fühlte mich wieder besser.

„Auch das ist Marathon.“

„Es wird zwar mein langsamster Marathonlauf seit dem Debüt, aber trotz der vielen Rückschläge im Training konnte ich doch noch irgendwie finishen.“ dachte ich mir und so bog ich die letzten Meter links ab, dann hinein in die Festhalle. Ich kannte die Bilder aus den TV-Übertragungen der letzten Jahre. In der Halle war ich überwältigt von dem Applaus der Zuschauer und der Stimmung. Die letzten zweihundert Meter trabte ich ganz langsam dahin. Ich riss die Arme hoch. Und nach drei Stunden und 50 Minuten hatte ich es dann doch noch geschafft. Mein Bruder Gerhard war zu dieser Zeit schon eine Stunde im Ziel. Aber heute hatte ich gebissen, gekämpft und gelitten und doch nicht aufgegeben. Auch das ist Marathon.