I FEEL THE EARTH MOVE

 

Vor zwei Wochen hatte ich wirklich eine harte Trainingswoche. Aber danach erholte ich mich doch wieder relativ gut.

So setze ich mich nun voller Vorfreude wieder auf mein Rennrad und gleich fühle mich wirklich schnell und wieder sehr fit. Mein Race-Kit habe ich extra auf das Logo der Reifen abgestimmt, die Schuhe frisch poliert. Und in meinen Augen war nicht mehr viel Unterschied zu Nils Pollitt, Egan Bernal oder Nairo Quintana.

Ich fahre locker durch Pöttsching und betrachte nur für den Bruchteil einer Sekunde mein Spiegelbild in voller Größe an der Glasfront einer Geschäftsauslage. Offensichtlich ein ultimativer Fehler. Im ersten Moment denke ich noch an eine optische Täuschung und so kehre ich kurzerhand um, um meine Reflexion nochmals in Ruhe zu betrachten.

Aber tief im Inneren wusste ich aber natürlich, was mir mein Spiegelbild verdeutlicht. Weder ist mein Bauch so dünn, wie ich mich fühle, noch fehlt mir bei meinem Pedalschlag die Souplesse eines Julian Alaphilippe.

Genauso wie die Einschränkung meiner Lunge, meiner Beine, meines gesamten Körperbaus und dessen Gewicht es mir knallhart demonstrieren, dass ich nicht durch neue Laufräder, eines aerodynamischeren Radhelmes oder eines um drei Prozent leichteren Sattels meine Leistung verbessern könnte.

Nein, keine dieser Upgrades wird dieses Spiegelbild in dieser Glasfront verbessern.

Kein noch so hochqualifizierter Fahrrad-Verkäufer, keine Strava-Statistik und kein Powermeter wird mir hier helfen können.

Und das führt nur zu einer allzu deutlichen und einfachen Lösung. Ich benötige ein leistungsbezogenes Upgrade. Ich muss einfach mehr trainieren. Ich muss trainieren, bis die Erde bebt.

So nehme ich den nächsten Anstieg mit voller Wucht. Im Wiegeschritt trete ich den Hügel mit hoher Konzentration und mit maximaler Anstrengung hinauf. Wie so oft in solchen Situationen wird die anfängliche Euphorie je gestoppt. Ich habe mich maßlos überschätzt, und bereits nach der Hälfte der Strecke bergauf werde ich kontinuierlich langsamer. Aber dann denke ich an mein Spiegelbild. Das ist Motivation genug. Ich trete weiter und weiter hinauf. Ich riskiere noch keinen Blick auf die Geschwindigkeitsanzeige. Heute nicht, vielleicht nächste Woche, vielleicht nächsten Monat. Heute konzentriere ich mich nur auf das Training.

Oben angekommen, wende ich und rolle den Hügel wieder hinunter. Ich atme erleichtert durch und erhole mich wieder. Ich sammle neue Kräfte für den zweiten, dritten und vierten Anlauf. Ich wiederhole also den Anstieg noch dreimal.

An meinem Ausgangspunkt befindet sich ein Pub. Die Leute sitzen rauchend und biertrinkend an der Bar im Freien. Sie lächeln mich an oder belächeln mich. Ich kann es nicht mehr einordnen. Ich fühle mich nun richtig entkräftet, aber ich fühlte auch, wie sich die Erde förmlich bewegte.

Ich beschließe nun, wieder langsam und gemächlich heimzurollen. Aber ich beschließe auch, beim nächsten Mal ein fünftes und ein sechstes Mal diesen Anstieg hinaufzustürmen. Und beim übernächsten Mal ein siebtes und achtes Mal, und beim überübernächsten Mal ein neuntes und ein zehntes Mal.

Und dann lächle ich den Leuten an der Bar zurück.