AN TAGEN WIE DIESEN… APRIL 2019

Wir schreiben das Jahr 2004. Auf der fünften Etappe der Tour de France von Amiens nach Chartres entdeckte die Radsportgemeinde damals einen jungen Franzosen namens Thomas Vöckler. In der fünfköpfigen Spitzengruppe gelang es ihm, dem damals Führenden Lance Armstrong 12 Minuten und 33 Sekunden abzunehmen und so das Gelbe Trikot des Gesamtführenden zu erobern. Er war für seine offensive Fahrweise bekannt und sollte sich noch als Spezialist für Ausreißversuche profilieren. Er war die Drama-Queen in einem Peloton voller berechnender Taktiker.

Und er war ein Mann des Gefühls. Leistungsmesser verachtete er und sie wurden höchstens mit einer abweisenden Handbewegung ausgeschlagen.

Kritiker behaupten, mit etwas mehr Interesse an den wissenschaftlichen Methoden, Statistiken und Leistungsdaten hätte er vielleicht etwas mehr Rennen gewonnen.

Es gibt wahrscheinlich viele Unterschiede zwischen Thomas Voeckler und mir. Weder trug ich jemals das Gelbe Trikot des Gesamtführenden noch wurde ich in Frankreich als Nationalheld gefeiert. Aber doch lässt sich auch hier eine Gemeinsamkeit zwischen uns finden.

Ich fahre ebenfalls rein nach meinem Gespür. Ich habe keinen Powermeter und meine Kadenz und mein Herzschlag sind nur eine grobe Vermutung. Und ich weiß nicht, in welcher Zone ich fahre. Ich möchte einfach nur schnell fahren, aber ich möchte es eben „fühlen“.

Ich versuche die Straße zu lesen, und auf den glatten Asphaltflächen, strecke die Knie ein, beuge die Ellbogen und weiche dem Wind aus. Auf der kleinen Anhöhe entspanne ich mich, wenn es sich so anfühlt, als ob es die zusätzliche Anstrengung nicht wert wäre. Aber ich scheue auch nicht den steilen Anstieg und richte mein Fahrrad bergauf und trete solange bis ich die Sterne sehe. Und möchte ich meine Ausdauer verbessern, fahr ich so lange so schnell, bis ich fühle, wie meine Muskulatur zusammenbricht.

Es gibt bessere und effizientere Wege, um schneller zu werden. Aber nicht für mich. Ich fahre kein Rennen und es geht mir nur darum, so viele Tage wie möglich auf dem Rad zu verbringen, wo ich mich großartig fühle. So einfach ist das. Je fitter, stärker, leichter und schneller ich bin, desto besser fühle ich mich.