AN TAGEN WIE DIESEN… NOVEMBER 2018

 

Es war passierte vor kurzem bei einer kleinen Party. Befreundete Paare, verschiedenste Interessen, ein Glas Rotwein. Van Morrison krächzte und stöhnte im Hintergrund auf dem Plattenteller. Wir diskutierten und philosophierten über verschiedenste Themen. Wirklich über alles Mögliche. Also zum Beispiel über Einschlafrituale, über Lieblingsbücher, über Gipfelsiege, über unseren Lieblingsurlaub, über Reinigungsmittel, über Musikfestivals, über gesunde Ernährung, über die Frage wie gesund es ist, einmal pro Woche in das Schwimmbad zu gehen, und dann kam plötzlich die Frage: „Du fährst ja auch mit dem Rad, du hast ja sogar ein Rennrad, oder?“

Alle Augen richteten sich auf mich. Und ich merkte schlagartig, dass nun ein Thema gestreift wurde, für das sich keiner der Anwesenden auch nur im Ansatz beschäftigte und ich versuchte ihnen etwas von meiner Leidenschaft zu vermitteln. „Ja.“ antwortete ich also etwas vorsichtig.

Und dann referierte ich, steigerte mich in einen kurzen Monolog und begann: „Beim Radfahren kann ich die Zeit einfach genießen, einfach für mich sein. Ich kann wählen, ob ich nur am Sattel sitze und dahinrolle oder ob ich mich anstrenge. Denn wenn ich mich wirklich anstrenge, fühle ich mich wie in einer Blase, in einer geschlossenen Blase. Und konzentriere mich einfach nur auf den Tritt, auf die Geschwindigkeit und auf meinen Körper. Wie geht es meinen Beinen, wie geht es meinem Rücken, wie geht es meinen Armen? Wie spüre ich den Wind in im Gesicht? Sollte ich etwas trinken? Kann ich den Anstieg in vollem Tempo hinauf treten oder sollte ich es etwas dosieren? Da ist ein ständiges Gespräch. Ich liebe die Geschwindigkeit, ich fühle den Fahrtwind. Wenn ich mich am Rande der Kontrolle befinde. Aber nie darüber hinaus. Und es ist nicht nur der physische Teil. Für mich ist es definitiv mehr. Für mich ist auch eine emotionale Sache. Es ist auch eine riesige Ideenquelle. Ständig bekomme ich neue Gedanken, neue Ideen. Ich schmiede neue Pläne. Manchmal habe ich sogar neue Ansätze für ein berufliches Problem. Manchmal ist es einfach nur unglaublich befreiend. Und dennoch geht es beim Radfahren, um sich zu pushen. Um weiterzumachen und sich den Hintern abzuhärten. Ich fahre auch gerne auf die Rosalia hinauf, und wenn ich oben bin, ist es oft eine Erleichterung. Dann schaue ich mich um. Es ist immer die gleiche Landschaft, die gleiche Straße. Aber jedes Mal ist es ein anderes Gefühl. Am Morgen, nachmittags oder abends. Da gibt es ja auch immer Veränderungen. Von der Temperatur, von der Tagesverfassung. Für mich ist es immer einzigartig. Und ich freue mich dann bei jeder Abfahrt, auf das Heimkommen und auf das Wohlgefühl, das durch die Endorphine ausgelöst wird. Und gleichzeitig bleibe ich fit und gut trainiert. Fit für gemeinsame Ausfahrten, mit meinem Bruder oder mit einer anderen Gruppe oder für einen Radmarathon.“

„Hört sich spannend an.“ war dann die einfache Antwort und ich dachte mir. „Ja, so habe ich es eigentlich noch gar nicht gesehen, so war es mir noch gar nie bewusst.“ Und mit einem Mal hatte ich das Gefühl, alles darüber gesagt, genug darüber philosophiert zu haben. Mit einem leeren Glas Rotwein in der Hand. Und plötzlich war es still. Das letzte Lied der Platte war zu Ende gespielt. Der Tonarm am Plattenteller fuhr in seine Ausgangposition zurück. Ich stand auf und wählte eine neue LP, und entschied mich für die Rolling Stones – Sympathy for the devil

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