STREET FIGHTING MAN

Drinnen ist es sehr gemütlich und angenehm warm. Richtig entspannt sitze ich im Lehnstuhl. Das Holz im Kachelofen prasselt und ich genieße mit der Zeitung in der Hand am Sonntag morgen meinen Kaffee.

Draußen ist es frostig kalt. Radfahren um diese Jahreszeit finde ich nicht gerade sehr verlockend. Für mich ist es ein Sport mit kurzen Ärmeln und so viel Schweiß auf der Stirn, dass er gerade noch durch den Fahrtwind verdunstet. Und an einem guten Tag im Sattel sammelt sich das Salz im Ultralight-Trikot und man hat ein Gefühl der Müdigkeit, aber Leichtigkeit und Fitness.

Bin ich jetzt ein Warmduscher, Schaukelpferd-Jockey oder Joghurt-Becher-Spüler? „Mir doch egal!“ denke ich. Das habe ich von meiner Tochter gelernt. Die sagt das jetzt andauernd. Und die hat es wiederum von ihrer Freundin, und die hat es … Na ja, egal. Aber ja, ich schweife ab.

Ich riskiere also noch einen Blick durch die schweren Vorhänge und spüre, dass es mir eben doch nicht völlig egal ist. Und dann macht es klick. Ich denke an die Endorphine. Nichts ist nachher schöner, wenn man sich vorher anstrengt. Schon schlüpfe ich in meinen langen Trainings-Kit inklusive Kappe und Halstuch. Und nach weniger als fünfzehn Minuten sitze ich dann auch schon am Rad.

Es ist ein klarer Morgen und mein Atem schnaubt unsichtbar vor mir hervor. Die bleigrauen Wolken begrenzen den Horizont hinter den flachen Feldern. Ich atme tief durch und ich spüre, es braucht nicht viel, um begeistert zu sein. Jetzt bin ich froh darum, dass ich den Sprung ins Kalte doch noch schaffte.

Locker trete ich dahin. Ich mache langsame und fett verbrennende Basiskilometer. Es ist ruhig auf der Landstraße, wenige Autos begegnen mir, und noch weniger Radfahrer. Aber ein, zwei sind es dann doch. Hatten sie heute schon dieselben Gedanken? Wahrscheinlich nicht.

Meine mentalen Bilder sind jetzt in Roubaix und in Flandern. Bei Degenkolb, Van Avermaet und Tom Boonen. Ich imitiere sie, ahme sie nach – aber natürlich nur deren Mimik. Alles andere wäre nicht machbar oder sonst irgendwie nachvollziehbar. Aber es ist beißend kalt und aufgrund der plötzlichen Euphorie habe ich doch glatt meine Handschuhe vergessen. Doch das stört mich nicht, denn ich werde daran denken, wenn mir im Juli die stechend heiße Sonne wieder auf den Rücken brennt. Da ist es mir lieber, auf dem Rad das Gesicht dem kalten Wind entgegen zustrecken.

Ja, an einem Sonntag morgen gibt es wahrscheinlich viele schönere Möglichkeiten, als sich im Herbst über die langen Geraden der Straße zu kämpfen. Aber ich bin doch kein Schaukelpferd-Jockey, Joghurt-Becher-Spüler oder gar ein Fahrrad-Bergauf-Schieber? Oder?

Schließlich werde ich mir auch weiterhin den Hintern abhärten.

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