MYTHOS GROSSGLOCKNER

 

„Mythos stammt aus dem Altgriechischen und es bezeichnet eine Erzählung oder sagenhafte Geschichte und in weiterem Sinn auch Personen, Dinge und Ereignisse mit hoher symbolischer Bedeutung.“

 

Der Großglockner ist mit 3798 Metern der höchste Berg Österreichs und eine Eventagentur vermarktet ihn im Rahmen einer Rad- und Berglaufveranstaltung dementsprechend als Mythos.

 

Als Kind wollte ich – lange Zeit bevor ich den Begriff „Bucket List“ kannte – einmal mit dem Rad auf den Großglockner fahren. Ich kenne die Hochalpenstraße von der Salzburger Seite durch mehrere Ausflüge in jungen Jahren und diverse Sportübertragungen der Österreich-Radrundfahrt haben meinen Ehrgeiz schon vor langer Zeit geweckt. Drei Jahrzehnte später stehe ich also nun mit 500 anderen Radfahrern am Start der Mythos Großglockner Bike Challenge.

Das Starterfeld wurde in drei Blöcke unterteilt und ich wurde als Newbie für den letzten Block zugeteilt. Der Respekt vor dem 17,2 kilometerlangen Anstieg ist vorhanden, um nicht zu sagen: er ist riesig – passend zum Mythos.

 

Das Streckenprofil habe ich mir gut eingeprägt. Der erste Anstieg führt vom Talboden in Heiligenblut durch das Ortszentrum und weiter auf die für Autos gesperrte Hochalpenstraße. Nach den ersten Serpentinen wird die Mautstelle passiert und am Weg zum Kasereck erreicht man nun den steilsten Anstieg bis zur ersten kurzen Erholung bergab. Auf diesen ersten sieben Kilometern, mit bis zu einer fünfzehnprozentigen Steigung, werde ich relativ langsam hinauftreten.

Nach dem Flachstück erfolgt ein welliger Anstieg bis zum Glocknerhaus und auf den letzten drei Serpentinen wird auf dem Schlussanstieg nochmal alles abgefordert bis man den Zieleinlauf auf der 2369 Meter hoch gelegenen Franz-Josefs-Höhe erreicht.

 

 „Langsam und so schonend wie möglich trete ich jetzt die nächsten Kilometer bergauf.“

Voller Anspannung warte ich also auf den Countdown und pünktlich um sieben Uhr ertönt der Startschuss. Das Feld ist zu Beginn noch dicht gedrängt, aber bereits nach einigen hundert Metern zerbröselt es zunehmend. Nach dem Ortszentrum von Heiligenblut finden sich dann die Fahrer mit dem gleichen Tempo. Langsam und so schonend wie möglich trete ich jetzt die nächsten Kilometer bergauf. Ich habe immer nur die letzten drei Serpentinen am Ende der Strecke im Kopf. „Sollte ich da noch genügend Kraft haben, könnte ich immer noch viel Zeit wettmachen.“ lautet meine Taktik.

An der Mautstelle habe ich einige Sekunden zum Erholen, ehe die Straße wieder steil bergauf führt. Hier erblickt man den Großglockner in seiner ganzen Pracht – und der Anstieg, der noch vor uns liegt. Im Moment fühle ich mich noch einigermaßen fit und könnte jederzeit das Tempo forcieren.

Es gelingt mir aber ruhig zu bleiben und gleichmäßig geradeaus zu fahren. Ich möchte die Franz-Josefs-Höhe, auch unbedingt ohne anhalten zu müssen, erreichen. Und auch wenn ich auf einem solchen Anstieg noch keine Erfahrung habe, möchte ich doch eine Zeit unter einer Stunde dreiundvierzig Minuten erreichen. Mit dieser Zeit wird das Streckenprofil auf der offiziellen Webseite ausgewiesen. Und deshalb ist es auch mein Anhaltspunkt.

„Die Unterhaltungen mit Galgenhumor zeigen mir aber, dass alle Radfahrer in meiner Nähe sich auch am Limit befinden.“

Obwohl ich mit meinen Kraftreserven sehr sparsam umgehe, merke ich aber wie es mir immer schwerer fällt. Und ich weiß aber auch gar nicht mehr wie, aber irgendwie erreiche ich dann doch nach sieben Kilometern die erholsame Bergab-Passage. Etliche Radfahrer hinter mir überholen mich nun und treten bergab kraftvoll in die Pedale. Aber ich versuche mich gut zu erholen und lasse das Rad bis zum nächsten Anstieg hinunterrollen. Und hier finde ich auch Zeit für die eine oder andere Unterhaltung mit meinen Mitstreitern. Die Unterhaltungen mit Galgenhumor zeigen mir aber, dass alle Radfahrer in meiner Nähe sich auch am Limit befinden.

„Ich habe keine Kraft mehr.“

Nun folgt ein kontinuierlich welliger Anstieg. Nach einigen schwierigen Teilstücken folgt wieder eine etwas flachere Passage. So geht es nun weiter bis zum Glocknerhaus. Dort liegt eine Zeitmatte und danach wird schonungslos der letzte harte Anstieg aufgezeichnet.

 

Die letzten Serpentinen. Ich atme schwerfällig. Der Schweiß tropft mir unaufhörlich von der Stirn. Die Beine sind müde. Ich habe keine Kraft mehr. Das langsame Anfangstempo war also genau richtig. Ich gehe kurzfristig aus dem Sattel und versuche wieder etwas Schwung zu holen. Dann möchte ich auf den untersten Gang schalten, da merke ich: „Hoppla, ich kann gar nicht mehr niedriger schalten.“

So trete ich schwerfällig hinauf. Am Straßenrand sehe ich andere Mitstreiter das Fahrrad schieben. „Nicht absteigen, nicht absteigen, das musst du durchhalten! Unbedingt durchhalten!“ rufe ich mir gedanklich immer wieder in Erinnerung.

So quäle ich mich langsam hinauf. Immer geradeaus. Ich fahre am Limit. Auf dem Parkplatz vor einer Kurve stehen einige Zuschauer und rufen: „Noch dreihundert Meter, dann hobts es gschofft!“ Ich rufe zurück: „Wieviel, hab ich das richtig verstanden???“ „Jaaa!“ rufen die Zuschauer. Mit letzter Kraft hole ich die letzten Körnchen Energie aus meinem Körper und erreiche völlig erschöpft die Zieleinfahrt an der Franz-Josefs-Höhe.

Ich bin erleichtert und wahnsinnig froh. Ich habe es doch noch geschafft. Trotz ungenügender Vorbereitung. Kurzfristig habe ich nicht mehr daran geglaubt. Ich habe mich durchgebissen und das Ziel nach einer Stunde und siebenunddreißig Minuten erreicht.

Diese Bike Challenge war eine wahre Herausforderung für mich.

 

 

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