RETROSPEKTIVE MEINES RADMARATHONS

 

„Ein Ziel ist etwas, worauf jemandes Handeln ganz bewusst gerichtet ist, was jemand als angestrebtes Ergebnis seines Handelns zu erreichen sucht.

 

 

Der Schweiß ist getrocknet, der Rahmen und die Speichen sind gereinigt und das Trikot ist frisch gewaschen. Die Erinnerungen an meinen Radmarathon in Mondsee sind noch relativ frisch und ich hatte auch genügend Zeit, die Fahrt nochmals im Rückspiegel zu betrachten.

Die Vorbereitung war sicher ungenügend und ohne Plan. Ich habe einfach versucht die Tour zu beenden und dabei nicht als letzter über die Ziellinie zu fahren. Ich hatte keine Grundlage und keine Idee, wann ich wie schnell und wie intensiv die Berganstiege hochklettern und die Flachstücke treten soll. Zu Beginn explodierte ich beinahe, vollgepumpt mit Endorphine. Ich konnte anfangs noch jederzeit einen flotten Sprint anziehen. Ich war begeistert vom belgischen Kreisel* und den verschiedenen Positionswechsel. Und der Regen, der mir ständig von den Hinterrädern meiner Vorderleute ins Gesicht spritzte, schärfte nur meine Sinne. Ich wurde übermütig, spielte mit dem Feuer – und verbrannte dabei.

„Ich war völlig am Boden und mit meinen Kräften am Ende.“

Der zweite Streckenabschnitt war hart, anstrengend und entmutigend. Ich haderte mit meinem Schicksal und ich verdammte mein Rad und die gesamte Veranstaltung. Ich stand am Straßenrand, mein Atem war flach, meine Beine zitterten und meine Augen flackerten. Ich war völlig am Boden und mit meinen Kräften am Ende. Meine Alternative war aber nur, irgendwie weiterzufahren, irgendwie nach Mondsee zu kommen, wo meine Familie auf mich wartete.

Es war mein erster Radmarathon und eine Tour reich an Erfahrung. Aber ich hatte kein bestimmtes, definiertes Ziel. (Außer den Radmarathon vor Streckenschluss zu beenden, was aber die Grundvoraussetzung sein sollte, wenn man bei dieser Veranstaltung mitmacht.)

Am Vortag besuchten wir das Kinderrennen in Mondsee. Dabei traf ich einige Bekannte aus meiner Schulzeit. Wir trainierten früher zusammen am Fußballplatz, wir liefen in der Schule gegeneinander auf der 100-Meter-Bahn und einige Jahre später beim Mondseelauf hatten wir meistens dieselbe Zielzeit. Im Allgemeinen hatten wir also in etwa das gleiche Leistungsniveau.

„Ich war schockiert, was ich hier lesen musste.“

Einige dieser Schulfreunde fuhren beim Mondseer Radmarathon auf der Tour B und einige auf der Tour C. Ich war also neugierig wie es ihnen ergangen war und verglich am nächsten Tag die Zeiten in der Ergebnisliste. Ich war schockiert, was ich hier lesen musste. Alle früheren Freunde und Bekannte waren wesentlich schneller im Ziel als ich. Auf der 140-Kilometer-Strecke betrug der Vorsprung mehr als eine Stunde und auf der Tour C fuhren sie um zehn!!! Km/h schneller. Es ist nicht eindeutig vergleichbar, aber die hohe Differenz weckte schlagartig meinen Kampfgeist. Nun hatte ich definierte Vergleichswerte. Mein Ziel wurde in diesem Moment festgelegt. Ich weiß nun, welche Geschwindigkeit für mich möglich ist und worauf ich nun trainieren werde. Ich möchte nächstes Jahr wieder beim Radmarathon starten und ebenso schnell beenden wie meine früheren Mannschaftskollegen.

Jetzt habe ich ein klares Ziel.

 

*Belgischer Kreisel (auch Belgische Reihe) bezeichnet bei Radsport eine Formation, die einer Gruppe von Radfahrern durch effektives Ausnutzen des Windschattens und Ablösen bei der Führungsarbeit eine energiesparende Fahrweise ermöglicht. (Quelle: Wikipedia)

 

 

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