THE PAIN I’M USED TO

 

Ein Rennbericht von „extrem lässig“ bis „i mog nimma“ – und wieder zurück.

 

Die Regenwolken hängen tief und es nieselt ein wenig. Wahrscheinlich ist es nicht viel wärmer als etwa zehn Grad Celsius. Es ist 6:51 Uhr und ich warte am Mondseer Marktplatz auf den Start des 32. Radmarathons. Der Tour-Sprecher kündigt nochmals die Startreihenfolge an. Ich unterhalte mich mit einigen Teilnehmern über die persönlichen Erwartungen der kommenden Tour B und pünktlich um 07:10 starte ich meinen ersten Radmarathon über 140 Kilometer.

Ich befinde mich am Ende des gesamten Feldes. Hinter mir sind etwa noch zehn andere Radfahrer. Wir rollen die ersten Kilometer gemütlich dahin. Ich versuche mein Tempo zu finden. Allerdings bin ich etwas unzufrieden und erhöhe die Trittfrequenz. Bald hat sich eine Gruppe hinter mir gebildet. Ich spüre den leichten Nieselregen und den Gegenwind.

Nach Thalgau kommt der erste Anstieg und mit lockerem Tritt überhole auf dieser Steigung bis Hof bei Salzburg etwa hundert Teilnehmer. Danach bildet sich oben ein Feld von etwa zwanzig Radfahrern, dem ich mich nun anschließe.

„Das Regenwasser spritzt mir ständig ins Gesicht, aber ich bin voller Endorphine und spüre keinen Kräfteverschleiß.“

Das Tempo wird kontinuierlich erhöht und wir treten weiter über Fuschl am See bis nach St. Gilgen. Hier treffen wir auf die Teilnehmer der Tour C und das „Packerl“ ist nun auf bis zu dreißig Fahrer angewachsen. Die Positionen werden häufig gewechselt. Das Regenwasser spritzt mir ständig ins Gesicht, aber ich bin voller Endorphine und spüre keinen Kräfteverschleiß. Ich finde es „extrem lässig“! In diesem Tempo fahren wir weiter bis Bad Ischl und ein Blick auf die Uhr verrät mir eine zwischenzeitliche Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 32 km/h. Immer wieder überholen wir dadurch einzelne Gruppen.

Nun folgen ein paar Anstiege bis Unterach am Attersee und das Feld zerbröselt sich wieder. Ich versuche aber, nicht abreißen zu lassen. Hier habe ich auch zum ersten Mal das vage Gefühl, dass es noch eine harte Tour für mich werden könnte. Die Steigungen kann ich nicht mehr so locker hinauftreten und teilweise muss ich aus dem Sattel steigen um den Anschluss zu halten. Auf den folgenden Kilometern merke ich dadurch aber einen spürbaren Energieverlust. Ich genehmige mir eine kurze Pause und stärke mich mit einem Cliff-Bar. Allerdings sehe ich dadurch, wie meine anfängliche Gruppe hier vorbeiflitzt. „Wäre ich etwas lockerer gefahren, hätte ich keine Pause machen müssen.“ Ich fühle mich etwas niedergeschlagen und meine Trittfrequenz nimmt ab.

 

Plötzlich sehe ich meinen Bruder mit seinem Rad am Streckenrand. Er verfolgt den Radmarathon als Zuschauer und begleitet mich ein paar Minuten. Es ist für mich ein psychologischer Pluspunkt und ich erhalte dadurch wieder enormen Auftrieb.

„Ich kratze meine letzten Reserven zusammen und rolle den Hügel hinunter.“

Ich erhole mich nun rasch und auf den nächsten Kilometern bilde ich mit fünf anderen Fahrern eine kleine Gruppe. Zu Beginn versuche ich im Windschatten mitzufahren, allerdings muss ich wieder abreissen lassen, da sie das Tempo etwas verschärfen und fahre alleine im Wind den Attersee entlang. Immer wieder versuche ich den Anschluss nochmals zu finden, aber in dem kleinen Ort Parschallen erlebe ich meinen absoluten Tiefpunkt. Nach einem kurzen Anstieg fühle ich mich völlig leer und erschöpft. Ich muss absteigen und lege eine längere Pause ein. Einzelne Radfahrer treten an mir vorbei. Unzählige Gedanken schwirren im Kopf herum. „Bin ich jetzt an der letzten Stelle? Wann kommt der Besenwagen. Soll ich einfach aufhören? I mog nimma!“ Aber ich kenne dieses Gefühl von völliger Erschöpfung. Ich kenne den Schmerz und ich weiß, dass ich mich wieder erholen kann. It´s the pain I´m used to. Ich kratze meine letzten Reserven zusammen und rolle den Hügel hinunter. Ich fühle mich nach dieser Pause wieder etwas fitter und hole mich selber aus dem Motivationsloch.

“ Von den freundlichen Helfern wird mir die Trinkflasche nachgefüllt.“

Nach ein paar Minuten schließt eine Dreier-Gruppe zu mir auf und ich kann mich an den dem gemäßigten Tempo anschließen. So fahren wir bis zur letzten Labstelle in Wienerröth. Hier tummeln sich etwa zwanzig Fahrer, die sich stärken und lockere Sprüche klopfen. Keine Hektik, keine Eile ist spürbar. Von den freundlichen Helfern wird mir die Trinkflasche nachgefüllt. „Esst noch genug, jetzt kommen noch dreihundert Höhenmeter auf drei Kilometer.“ Ich muss schlucken, ohne etwas im Mund zu haben. Plötzlich kommt doch noch Hektik auf. „Schnell auf die Seite, die 200er sind gleich da. Die fahren im vollen Zug durch.“ Schnell nasche ich noch von einer Nussecke und danach schwinge ich mich wieder auf das Rad. Es sind noch einunddreißig Kilometer bis ins Ziel.

Langsam und stetig trete ich den zehnprozentigen Anstieg mit vier anderen Radfahrern hinauf. Wir kriechen gemeinsam im selben Tempo dahin. „Hier wird nochmals aussortiert.“ zwinkert mir ein anderer Radfahrer zu. Ich spüre ganz genau, was er damit meint. Wenige Minuten später überholt uns die Führungsgruppe der Tour A. Mit Leichtigkeit flitzen sie an uns vorbei.

Oben angekommen flitzen wir aber auch mit Leichtigkeit hinunter. Mittlerweile ist es etwas wärmer geworden. Die Sonne blinzelt zwischen den Wolken hervor. Ich bin wieder gestärkt und fühle mich wesentlich fitter. Ich habe meinen Rückschlag überwunden und freue mich wirklich schon auf das Ziel am Mondseer Marktplatz.

Die letzten Kilometer führen am See entlang und mit vollem Einsatz trete ich nochmals entschlossen in die Pedale und kann noch einzelne Radfahrer einsammeln. Mit den Anfeuerungsrufen meines Bruders biege ich schließlich in die See-Allee ein und überquere nach einem letzten Sprint erleichtert die Ziellinie.

Ich finde es wieder „extrem lässig“.

 

 

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