EVERYTHING COUNTS


Es ist immer wieder der gleiche Ablauf, die gleiche Konzentration, die gleiche Anspannung.

 

Es ist sechs Uhr morgens. Und ich bin bereit für die Anstiege, die Serpentinen und die Bremsmanöver dieser Welt. Ich bin bereit für einen anstrengenden, kräftezehrenden Vormittag.

Ja, ich bin bereit für eine lange Ausfahrt auf dem Rad. Und ich kenne das Gefühl. Die Minuten bevor es losgeht. Hinaus, auf die noch leeren Straßen am Morgen. Überall ist es noch ganz still und andächtig ruhig. Kein Auto, keine Stimme ist hörbar. Es fühlt sich auch so ähnlich an, wie früher, als ich mich auf die Ultraläufe vorbereitete. Als ich in vier Stunden noch 45 Kilometer laufend bewältigte. Als ich am Vortag früh zu Bett ging. Damit ich gut ausgeschlafen war, wenn um 05:30 Uhr der Wecker klingelte.

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Im Haus ist es noch still. Leise bereite ich mir den Energie-Drink vor. Puis un petit déjeuner. Ein kleines Frühstück. Der letzte Bissen vom Butterbrot wird mit dem Espresso hinuntergespült. Ich bin bereit und angespannt. Es ist das dasselbe Gefühl wie vor einem langen Wettkampf. Ich kenne das Gefühl schon seit vielen Jahren. Es wird anstrengend werden am Schluss. Der letzte Kilometer wird der Härteste. Aber welcher ist der letzte? Der Siebzigste oder der Achtzigste oder gar der Neunzigste?

 

 

Aber die ersten Kilometer sind die schönsten. Die Luft ist gereinigt. Es ist angenehm kühl. Ich rolle dahin. Vorbei an den schön gestalteten Vorgärten und den Mohnblumenfeldern. Die ersten Bergauf-Passagen werden noch mit einem Lächeln absolviert. Dann der erste Kreisverkehr. Es ist noch immer kein Auto sichtbar. Und mittlerweile ist es fast schon sieben Uhr morgens. Der zweite Kreisverkehr und mein Weg führt durch die Stadt und wieder hinaus.

 

 

Und dann sehe ich die Serpentinen. Ich kenne sie schon, diese zahlreichen Windungen. Sie haben mir schon einige Schweißtropfen gekostet. Instinktiv drehe ich mich um und erblicke einen weiteren Rennradfahrer hinter mir. Es wird nicht lange dauern und er ist an meinem Hinterrad. Ich halte mich mit dem Tempo noch zurück. Ich habe ja noch viel vor mir. Er radelt locker an mir vorbei. Nach wenigen Kilometern geht’s auch schon wieder bergab. Ich wende am anderen Ende und treibe mich auf ein Neues den Hügel wieder hinauf. Noch voller Motivation. Noch voller Kraftreserven. Es geht den gleichen Weg zurück.

 

 

Berghinauf, berghinab, berghinauf, berghinab, 50 Kilometer sind geschafft. Jetzt noch fünf Kilometer zurück und ich wäre schon wieder zuhause. Aber es ist noch zu früh. Ich habe noch Energie für weitere Kilometer. Also trete ich weiter in die Pedale. Mittlerweile ist es doch schon relativ warm und die Belastung nimmt auch deutlich zu.

Nach siebzig Kilometer merke ich leichte Einbußen bei meiner Trittfrequenz. Die Kilometeranzeige steht mittlerweile bei siebenundachtzig und ich freue mich schon über jede Bergab-Passage. Jetzt merke ich die rasante Ermüdung in den Beinen und dazwischen strecke meinen Rücken immer wieder durch.

„Ich bin selbst darüber erstaunt“

Der Autoverkehr nimmt nun deutlich zu und ich habe nur noch ein Ziel: nach Hause fahren. Aber es nimmt kein Ende und die Kilometer summieren sich und der Schweiß tropft mir unaufhörlich in die Augen. Und als ich endlich den letzten Abhang hinunterrolle und nur noch ein paar hundert Meter bis nach Hause treten muss, riskiere ich doch einen letzten Blick auf den Kilometerstand. „Ja,  was steht denn da auf dem Tacho!“ Die Ausfahrt ist doch noch dreistellig geworden. Ich bin selbst darüber erstaunt.

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Die letzten Kilometer waren also die erwartet harten Minuten. Ich war heute knapp vier Stunden alleine auf der Straße unterwegs und es bringt mich doch an meine Grenzen. Aber wenn ich bedenke, dass ich überhaupt erst seit einem Monat auf dem Rad trainiere, bin ich wieder zuversichtlich, dass ich meine Ziele für diesen Sommer erreichen kann.

fin

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