ABENTEUER MARATHON

♥LICHEN DANK AN DAS BERLINER PUBLIKUM

28.09.2014

 

Die World Marathon Majors (WMM) sind eine Vereinigung aus den Marathon-Bewerben in Tokio, Boston, Chicago, London, New York und Berlin. Eine Teilnahme an einen oder mehreren dieser Bewerbe war für mich als Ausdauersportler ein besonderes Ziel. Durch die hohe Aufmerksamkeit der letztjährigen Marathon-Weltrekorde und die geographische Nähe fiel die Wahl auf den 41. BMW-Berlin-Marathon am 28. September 2014.

„Ich fixierte dann meine Marathon-Zielzeit mit drei Stunden und vier Minuten.“

Da das Losglück mir auch wirklich einen Startplatz dafür sicherte, begann die organisatorische Vorbereitung bereits im November 2013 mit der Buchung von Flug und Hotel. Die praktische Vorbereitung sollte sich etwas schwieriger gestalten, da unvorhergesehene Verletzungen zu Beginn das Training verzögerten. Drei Monate davor definierte ich eine sehr ambitionierte Zielzeit und prüfte die Möglichkeit anhand von diversen Testläufen und Intervallen. Diese Läufe verunsicherten mich jedoch ein wenig, sodass ich mein Ziel um fünf Minuten korrigierte und den unmittelbaren Countdown acht Wochen vor dem Bewerb startete. Das oben angesprochene Verletzungspech bestärkte meine geänderte Entscheidung, verschiedene Testläufe, welche ich wiederum mit einer gewissen Lockerheit absolvierte, ließen mich aber wieder grübeln. Aufgrund dessen war bis zum Abschlusstraining eine gewisse Unsicherheit vorhanden. Ich fixierte dann aber meine Marathon-Zielzeit mit drei Stunden und vier Minuten.  Am Samstag reisten wir nun endlich nach Berlin und während der Reise konnte man bereits viele Gleichgesinnte beobachten.

Das Ausmaß und die Dimension bei der Expo spiegelte auch die Bedeutsamkeit dieser Veranstaltung wider. Ich musste mehrere Kontrollpassagen passieren und Tickets vorweisen, damit ich die notwendigen Startunterlagen abholen konnte. Dort erhielt ich ein Armband, welches man bis nach Ende des Marathons nicht ablegen durfte. Die verschiedensten Sportartikel-Fachhändler, Laufreise-Veranstalter und Trainingsberater präsentierten Ihre Neuheiten und luden sehr zu einem Einkauf ein.

Sonntag, der Tag des Rennens, ca. 7:00 Uhr früh: Tausende Marathoni pilgerten in den Startbereich eines der größten Marathonrennen. Dort konnte man viele Eindrücke und Beobachtungen bei den Vorbereitungen sammeln: letzte Erinnerungsfotos vor dem Start, Aufwärm- und Dehnübungen, Taktikbesprechungen, die Kleidung wurde noch zurechtgerückt, die Schuhbänder kontrolliert, letzte Tapes wurden angelegt, noch eine Salbe zur Lockerung der Muskulatur aufgetragen,  um schließlich den richtigen Startblock zu suchen. Auch ich verabschiedete mich bis zum Treffpunkt nach dem Zieleinlauf bei meinen beiden treuen Laufkameraden und wir wünschten uns alles Gute für unseren gemeinsamen Höhepunkt unserer Marathon-Laufbahn.

„Unzählige Trainingskilometer sollten nun in eine neue Bestzeit umgemünzt werden.“

Im Startblock D spürte ich nun die gesamte Anspannung, die Konzentration, den Fokus auf das Startsignal. Die Erwartungshaltung war bereits sehr hoch. Ein Blick um mich brachte auch die Internationalität dieser Veranstaltung nochmals eindeutig zum Ausdruck: links von mir ein Marathoni aus dem asiatischen Raum in stiller Konzentration, rechts eine Gruppe aus Skandinavien im lockeren Smalltalk, vor mir Läufer mit dem Union Jack am Oberarm. Alle machten sich bereit für einen der weltweit bedeutendsten Marathon-Läufe.  Die Vorfreude war unübersehbar. Unzählige Trainingskilometer sollten nun in eine neue Bestzeit umgemünzt werden. Um 08:45 Uhr wurde nun für die erste Welle das Startband gelöst.

blaueLinieEine blaue Linie auf der Laufstrecke markierte die Ideallinie. Ich versuchte sie immer im Auge zu behalten und mich so nah wie möglich daran zu orientieren, aber gerade zu Beginn konzentrierte ich mich auf das Tempo und so verliefen die ersten Kilometer relativ planmäßig. Ich konnte meine Marathon-Pace gut anlaufen. Das Wetter war rekordverdächtig: kein Wind, kein Regen und angenehme Lufttemperatur.

Den zehnten Kilometer absolvierte ich in planvollen 43:25 und ich hatte noch genügend Luft und konnte die Stimmung etwas einfangen und genießen. Der Fokus lag allerdings immer an der Prüfung meines Lauftempos sowie der Kontrolle meines Pulses, der mir allerdings etwas Sorgen bereitete, da er schon ungewöhnlich hoch war. Haben die letzten Ereignisse doch ihre Spuren hinterlassen? Ich versuchte diese Befürchtungen gedanklich wegzuwischen.

Nach weiteren fünf Kilometern passierte ich den Lauf in 1:05:04. Mehr als ein Drittel geschafft. Der Puls blieb ungewohnt hoch. Zu hoch. Und plötzlich, was war das? Ein Stich an meiner rechten Schulter. Mir war augenblicklich klar: ich laufe über meinen Möglichkeiten. Sofort drosselte ich das Tempo. Ich lief die kommenden Kilometer jetzt einige Sekunden langsamer. Anhand meiner Erfahrung musste ich mich nun unbedingt erholen. Mein Puls ging auch wirklich ein paar Schläge hinunter. Ich war erleichtert und begann zu rechnen. Ich würde bei diesem Tempo etwa 90 Sekunden verlieren, das war für mich okay.

„Ich wartete aber immer noch auf den berühmten Flow. Wo war er nur?“

Die HM-Marke überquerte ich bei 1:31:45 und meine Gedanken dazu: „Yeah, meine schnellste HM-Zeit bei einem Marathon ever, aber eine Sensation wird es heute nicht mehr, konzentrier dich auf die Ausgangssituation.“ Das stimmte mich zufrieden. Ich wartete aber immer noch auf den berühmten Flow. Wo war er nur? Stattdessen nahm ich noch einen Traubenzucker. Aber die Leichtigkeit war heute nicht da, und ließ sich auch durch den Zucker nicht herstellen.

Natürlich machte sich das auch in der Zeit bemerkbar ich konnte mein Racetempo nicht mehr halten, versuchte aber beim Puls stabil zu bleiben, deshalb korrigierte ich nochmals einige Sekunden nach unten. Viele Gedanken verschwendete ich jetzt auf meinen Rennverlauf und darauf wie es heute noch enden würde. Nach dem 32. Kilometer läutete ich für mich meine letzten 10 KM ein. Könnte ich das Tempo halten, wäre ich hochzufrieden, und ich „belohnte“ mich mit einem weiteren Traubenzucker.

Ich sah meine Durchgangszeit an einer großen Tafel beim fünfunddreißigsten Kilometer. Ich kämpfte bereits ein wenig mit dem Limit, aber es passte noch für mich. Ein Läufer vor mir hob die Beine zur Auflockerung etwas höher an und ich folgte seinem Beispiel, was ich sofort bitter bereute. Ein Stich durchzog meinen rechten Oberschenkel. Ich wusste von nun an, dass ich höllisch aufpassen musste. Doch das schien nun auch andere Muskelfasern anzustecken, immer wieder spürte ich kleine Stiche. Nun lief ich den ökonomischsten Laufstil, der mir möglich war, damit ich so viel Kraft wie möglich sparen konnte. Der vierte Traubenzucker sollte mir noch Auftrieb geben.

Kilometer 37, ein unglaubliches Gefühl: der Berlin-Marathon schien ein glückliches Ende zu nehmen. Die letzten fünf Kilometer würde ich auch noch ohne Probleme zu Ende laufen. Doch der Puls nach oben, schien auch kein Ende zu nehmen:  Bei einem Marathon war er zu diesem Zeitpunkt noch nie so hoch wie in Berlin.

„Die besorgten Zuschauer kümmerten sich umgehend um mich und redeten auf mich ein.“

Und dann passierte es! Zack! Meine Beine waren wie gelähmt, ich konnte von einer Sekunde auf die andere nicht mehr weiter laufen. Die anderen Marathoni schrien: „Aus dem Weg! Weg da! Lauf weiter!“ Ich konnte nicht. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Ich stand da wie angewurzelt und spürte unerträgliche Schmerzen in meinen beiden Oberschenkeln. Wie ein Blitz traf mich die Erkenntnis: zuviel Zucker. Eine Minute, gefühlt wie eine Ewigkeit, stand ich mitten auf der Laufstrecke. Die anderen Marathonläufer liefen links und rechts an mir vorbei. Danach konnte ich mich wenigstens bis knapp einen Meter vor das Absperrgitter bewegen, und ließ mich dann darauf zufallen. Die besorgten Zuschauer kümmerten sich umgehend um mich redeten auf mich ein. Sie hatten aus nächster Nähe alles genau mitverfolgen können. So klopften sie mir auf die Schulter, sprachen mir Mut zu, versuchten mich wieder aufzumuntern und boten mir ihre Hilfe an. Unzählige Gedanken rasten durch meinen Kopf: „Was mach ich mit dem Lauf? Werde ich noch ins  Ziel kommen? Wenn ich jetzt weiterlaufen kann, passiert mir das dann heute nochmal?…“ Ich sagte, ich bräuchte Salz und sie versuchten alles Mögliche. Schließlich wurden mir aus einem Rucksack eines Zuschauers angebrochene Tortilla-Chips angeboten. Ein Griff in die Packung, ein großer Schluck von der Natriumhaltigen Mineralwasser-Flasche und ein paar Dehnübungen haben mir wieder auf die Beine geholfen. Ich bedankte mich noch ganz herzlich bei Ihnen und Minuten später war ich noch ganz ergriffen von der fürsorglichen Hilfsbereitschaft und Aufmunterung der Berliner Zuschauer.

„Ich wollte jetzt nur noch die ganze Stimmung einfangen und mitnehmen.“

Diese etwa vierminütige Pause, wie ich später anhand meiner Laufuhr feststellen konnte, war bei etwa Kilometer 38,5. Noch weniger als viertausend Meter bis ins Ziel. Jetzt hatte ich auf den Genuß-Modus umgeschaltet. Die Zeit war mir nun egal, der Puls wieder auf gemütliche 130 Schläge eingependelt. Ich wollte jetzt nur noch die ganze Stimmung einfangen und mitnehmen. Die Zuschauer applaudierten lautstark und feuerten uns an, ich konnte allerdings auch daraus noch ganz persönliche Anfeuerungen heraushören: eine Extra-Motivation für mich!

Berlin_MaraDen letzten Kilometer vor dem Ziel joggte ich ganz bewußt – immer noch den Zwischenfall ein paar Minuten vorher im Hinterkopf – durch das Brandenburger Tor, sicher ein Highlight im Leben jedes Läufers. Ich werde mich noch lange daran erinnern. 3:13:16 waren es am Ende, meine bis hier zweitbeste Marathonzeit. Erst knapp zwanzig Minuten später wurde ich von einer zufälligen Unterhaltung mit einem spanischen Teilnehmer mitgeteilt, dass heute der Marathon-Weltrekord zweimal unterboten wurde. 2:02:57 durch Dennis Kimetto (KEN) und 2:03:13 durch seinen Freund Emmanuel Mutai (KEN).

Mit diesen Zeiten wurde Geschichte geschrieben. Der erste Marathonlauf unter zwei Stunden und drei Minuten. Alle  Teilnehmer waren zeitgleich dabei.
Ich auch.
And I was happy and clapped along as I felt like thats what I wanted to do.

 

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