VON PAPIERFLIEGERN & ANDEREN BLICKWINKELN

Jetzt hab ich´s getan. Zum allerersten Mal. Zum ersten Mal bin ich in der Wand gehängt. Zwölf Meter über dem Boden. Doch alles der Reihe nach:

„Wandern ist der neue Rotwein“ las ich kürzlich in einem Essay von David Pfeifer, dem leitenden Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Darin geht es ums Wandern in den Bergen. Und die haben mich irgendwie ja nie losgelassen. Früher war ich sowieso viel in den Bergen unterwegs. Zum Wandern. Oft stand ich schon um halb fünf Uhr in der Früh mit der Sonne auf und eine halbe Stunde später ging es dann mit vollgepackten Rucksack los.

„Aber Klettern wäre auch eine coole Sache.“ dachte ich mir schon vor ein paar Monaten und so packe ich nun unverhofft die Gelegenheit beim Schopf und auf geht’s in die Kletterhalle zum kraxeln (ugs: mühsam steigen, klettern). Ein bisschen nervös bin ich jetzt schon, wie ich so da stehe, ganz ungewohnt mit den engen Kletterschuhen. Aber Bernhard, unser Guide nimmt mit seiner lockeren Art gleich die ganze Spannung heraus.

Und so üben wir nach einer kurzen Anleitung an der Boulderwand. Das geht ja schon mal ganz gut. Hier soll man ja nur ein erstes Gefühl entwickeln. Und nach ein paar Geschicklichkeitsübungen gehen wir nun an die hohe Kletterwand. Jetzt wird’s also ernst?!?!

„Und die Unsicherheit ist wieder wie weggeblasen.“

Ehrfürchtig schaue ich nach oben. „Da soll ich also hinauf? Oojeee, ist das schon das Richtige für mich?“ Ich bekomme langsam Zweifel. Aber auch hier ändert sich das schnell. Irgendwie habe ich dann gar keine Zeit mehr, länger darüber nachzudenken. Und die Unsicherheit ist wieder wie weggeblasen. Bernhard erklärt uns eine Sicherungstechnik, die Unterschiede zwischen  Vorstieg und Toprope und gibt einen kurzen Überblick über die Schwierigkeitsgrade.

Hhuuuuhh! Dann heißt´s also tiieeef durchatmen! Ich lege den Klettergurt an, prüfe gefühlte hundertmal , ob er ja fest genug sitzt, klinke das Sicherungsseil in die Karabiner, und hüpfe noch ein paarmal etwas unsicher am Stand herum. Dann steige ich in die Wand. Die Nervosität kommt und geht, jetzt ist sie gerade wieder voll da.

Zu Beginn versuchen wir es mit dem Schwierigkeitsgrad 3. Ich orientiere mich an den blauen Griffen. Sie stellen an der Übungswand eine Route dar. Die ersten Meter sind eigentlich schnell geschafft. Aber auch die ersten Schweißtropfen bilden sich schon an der Stirn. Natürlich gelingt es mir großteils nur über den Krafteinsatz hinauf zu kommen. Technik ist bei mir so gut wie nicht vorhanden.

„Und dann, und ich weiß nicht wieso, aber plötzlich denke ich: „Ein Papierflieger würde hier sicher super hinunterfliegen.“

Die zweite Hälfte dauert schon etwas länger. Einerseits schwindet die Kraft, andererseits überlege ich nun genauer, welche Griffe ich verwenden soll, damit ich meine Oberarme etwas schonen kann. Ja, ich muss zugeben es ist schon sehr ungewohnt, wenn man da so nah an der Wand pickt und „krampfhaft“ versucht keine Rückenlage zu bekommen. Ich konzentriere mich nur mehr auf die blauen Griffe und ohne großartig darauf zu achten bin ich dann oben angekommen. Ich drehe mich vorsichtig um und schaue hinunter. Und dann, und ich weiß nicht wieso, aber plötzlich denke ich: „Ein Papierflieger würde hier sicher super hinunterfliegen.“ Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir gestern mit solchen im Wohnzimmer geflogen sind. „Außerdem ist kriegt man in dieser Höhe einen völlig neuen Blickwinkel auf die Dinge.“ Monatelang hat mich jetzt schon mein Knie beschäftigt, aber jetzt in zwölf Meter Höhe ist mir das ziemlich egal… Dann fällt mir ein, unten warten sie ja auf mein Zeichen. So lasse ich mich in das Sicherungsseil fallen. Die Füße sind an die Wand gestemmt und langsam werde ich wieder abgeseilt. Am Boden merke ich erst, dass meine Unterarme gehörig zittern und ich nur mit Müh und Not die Karabiner wieder öffnen kann.

„Auch hier ist vollste Konzentration gefordert.“

Nach einer kurzen Pause mache ich aber schon die Sicherung für den nächsten Kraxler. Auch hier ist vollste Konzentration gefordert. Ich muss immer darauf schauen, dass das Seil „keinen Schlag kriegt“, also dass es nie durchhängt, sonst würde der Gesicherte genau diese Länge hinunterfallen. Aber auch hier klappt natürlich alles ohne Probleme. „Das Klettern ist eine absolut sichere Angelegenheit, solange man beim Sichern alles richtig ausführt.“ erklärt uns Bernhard nach dem ersten Durchgang.

Beim zweiten Mal suchen wir uns eine neue Route: Schwierigkeitsgrad 4. Mit gemischten Gefühlen geht’s wieder los: Zum einen weiß ich jetzt schon, was mich etwa erwartet, zum anderen ist die Route etwas schwieriger und die Arme sind nicht mehr sooo frisch.

Wieder gelingt mir der Einstieg und die ersten Meter sehr gut. Aber mit zunehmender Höhe wird´s immer schwieriger für mich. Teilweise muss ich einen Trittwechsel machen und auch die Griffe sind etwas kleiner und weiter auseinander. Nach etwa acht Meter Höhe hab ich einen kurzen „Hänger“. Ich bin mir nicht sicher, welchen Griff ich nehmen soll. Der eine ist so nahe, fast schon bei der Schulter herunten und der andere so weit oben, dass ich bezweifle, ob ich mich da noch hinaufziehen kann.

„Es hat geklappt, aber meine Arme zittern extrem.“

Ich fasse aber allen Mut zusammen und ziehe mich so schnell wie nur möglich mit aller Kraft bei dem etwas weiteren Griff hinauf. Ich spür mein Herz klopfen. Bumbum…. Bumbum….Bumbum. Es hat geklappt, aber meine Arme zittern extrem.

Die nächsten Griffe sind vergleichsweise relativ einfach und so fällt es mir wieder leichter bis ganz hinauf zu klettern. Oben angekommen lasse ich mich dann  erleichtert ins Sicherungsseil fallen. Langsam werde ich zum zweiten Mal abgeseilt und unten angekommen muss ich erstmal durchschnaufen und  mich kurz strecken.

Ein drittes Mal steige ich dann nochmal hinauf, allerdings muss ich dieses Mal bei einem kleinen Überhang abbrechen. Da trau ich mich nicht drüber. Meine Arme zittern schon und ich merke einfach wie es für mich immer schwieriger wird.

Aber Klettern ist wirklich eine coole Sache! Ich kann nach meinen ersten Kraxelversuchen eine absolut positive Bilanz ziehen und werde sicher wieder mal in einer Wand kleben!

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