LANGER LAUF # 33

 

Ganz leise schleiche ich mich aus dem Zimmer. Damit ich die Anderen nicht aufwecke. Es ist noch so früh am Morgen. Aber obwohl ich extrem vorsichtig auftrete,  spüre ich gleich bei den ersten Schritten die alte Verletzung am rechten Fuß wieder. „Zuerst kein Glück und dann kommt auch noch Pech dazu.“ überlege ich etwas entmutigt. Auch die Zerrung am rechten Oberschenkel meldet sich noch deutlich. Die habe ich mir bei einem Tempolauf vor drei Tagen zugezogen.

„Ich war ruhelos und angespannt.“

Es war eine unruhige Nacht. Ich habe kaum Schlaf gefunden. Ich war ruhelos und angespannt. Heute steht die sogenannte Königsetappe auf dem Plan. Zwanzig Kilometer einlaufen und danach noch fünfzehn Kilometer im Marathon-Renntempo. Aber bei mir wird das eher eine Bettleretappe werden. Das Marathon-Renntempo habe ich immer noch nicht genau definiert und 15 KM werde ich aufgrund der langen Verletzungspause schon gar nicht laufen können. Des Weiteren kann ich froh sein überhaupt einen langen Lauf absolvieren zu können. Aber nochmals einen geplanten Marathon nach der Absage in Berlin im letzten Herbst zu stornieren, liegt mir auch ziemlich schwer im Magen. Ich möchte – wenn irgendwie möglich – am 1. Mai in Salzburg starten. Egal wie schnell – oder besser: egal wie langsam.

Es war wahrlich keine gute Trainingswoche. Um die fünfzwanzig Laufkilometer und natürlich wieder ein Besuch beim Arzt. Unter diesen Voraussetzungen starte ich an einem strahlenden Aprilmorgen.

Die ersten Kilometer sind wie gewohnt noch recht zäh. Ich beginne mit einer Pace von 5:20 bis 5:30 auf dem vertrauten Feldweg. Nach gut dreißig Minuten habe ich ein entspanntes Tempo gefunden. Der Fuß meldet sich glücklicherweise noch nicht – ich bin aber darauf vorbereitet. Sollte ich einen leichten Schmerz spüren, würde ich die Laufeinheit sofort abbrechen. Ich war in den vergangenen Wochen mit den Athletikübungen ziemlich nachlässig, das muss ich an diesem Wochenende sofort nachholen. Auch die Zerrung hat sich nach anfänglichen Stichen wieder beruhigt.

„Mein oberstes Ziel ist die 35 Kilometer beenden zu können.“

Die Sonneneinstrahlung wird immer stärker und sicherheitshalber drossle ich ein wenig die Geschwindigkeit. Schließlich möchte ich das Training am Ende doch mit acht bis zehn, bestenfalls zwölf Kilometer in einem flotten Tempo beenden können.

Nach zwanzig Kilometer erhöhe ich schließlich das Tempo. Die mitgeführte Trinkflasche habe ich am Wegrand abgelegt, die Schritte werden automatisch länger und der Atem wird immer kürzer. Aufgrund der konzentrierten Haltung und der inneren Bereitschaft das Tempo zu verschärfen, fühle ich mich noch nicht überfordert. Andererseits bin ich jedoch noch sehr vorsichtig mit einem weiteren Temposprung. Mein oberstes Ziel ist die 35 Kilometer beenden zu können.

„Es war gut nicht doch zu viel zu wollen.“ denke ich eine halbe Stunde später. Obwohl ich doch um Einiges langsamer laufe als noch vor meiner dreiwöchigen Laufpause, fällt es mir zunehmend schwerer. Einerseits bin ich froh, dass ich nicht zu schnell gestartet bin, andererseits gibt es mir zu bedenken, dass ich solche Mühe habe einen 35-KM-Lauf zu absolvieren.

Nach 31 Kilometer beschließe ich, das Tempo zu verringern und laufe noch vier Kilometer mit extremen Kraftaufwand zum Ausgangspunkt. Der Fuß hat bis zuletzt gehalten.

Ich bin völlig dehydriert und ausgelaugt. Obwohl ich in der Beschleunigungsphase auf den elf Kilometern immer noch eine knappe halbe Minute pro Kilometer langsamer war als noch während der Vorbereitung für den Marathon in Berlin, konnte ich nicht die gesamte Strecke wie geplant durchlaufen.  Spätestens jetzt ist mir klar, wie schwierig die 42 Kilometer in Salzburg werden.

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