MONDSEE RUNDE

 


„So nah und doch so fern.“ 
Ja, stimmt, das klingt relativ trivial. 

 

Aber worum geht’s? Also: mein nächster Marathon ist schon so nah aber eine Bestmarke ist noch so fern. Es war eine lausige Trainingswoche. Die Nachwirkungen der letzten Halbmarathonteilnahme waren heftiger als vorerst angenommen. Die Konsequenz waren zwei Arztbesuche und nur zwanzig Trainingskilometer in fünf Tagen.

Heute wage ich mich also seit fünf Wochen wieder auf die lange Distanz. Es ist meine bisher chaotischste Marathonvorbereitung: keine Struktur, kein gezieltes Aufbautraining. Nur immer das Tempo laufen, welches aufgrund verschiedenster Verletzungen und Erkrankungen gerade möglich ist. Und kaum funktioniert es etwas besser, kommt schon die nächste Pause. Also die Erwartungen auf die Zielzeit in Salzburg sind dementsprechend gering.

Ich beginne beim Parkplatz in Loibichl und laufe Richtung Mondsee. Die Rahmenbedingungen lauten: fünf Grad Celsius, die Straßen sind noch weitgehend ruhig und die dicken Regenwolken strecken sich fast bis zum See herunter. Es hat aber aufgehört zu regnen und ich habe sofort ein gutes Tempo gefunden. Ich laufe noch locker am Gehsteig zwischen Landstraße und See. Die Pace pendelt zwischen 5:10 und 5:15. Nach vier Kilometer erreiche ich bei der Allee das Teilstück des Mondseer Halbmarathons. Ich fühle mich noch gut und es ist soweit alles im Plan.

„Träumen darf man!“

Ein Kontrollblick auf die Uhr: ich habe unmerklich das Tempo erhöht. Das ging ganz automatisch. Ich bewege ich nun um etwa fünf Sekunden schneller. Auf der anderen Seeseite geht es nun wieder hinunter. Obwohl? Kann es neben einem See überhaupt bergab gehen? Zumindest habe ich das Gefühl.

Direkt am See sitzt ein Fischer, wir grüßen uns kurz, und weiter geht’s Richtung Unterach. Nach knapp sechzehn Kilometer wende ich und gönne mir ein paar Schlucke aus der Trinkflasche. Das Tempo ist nun etwas unter fünf Minuten. „Läuft bei mir!“ Ich bin noch top motiviert und träume insgeheim schon wieder von einer besseren Zielzeit. Träumen darf man!

„Einfach mal versuchen, was geht.“

Ich laufe den See entlang wieder zurück. Der Fischer sitzt nun im Auto und wärmt sich am warmen Tee. Es nieselt jetzt ganz leicht. Aber noch immer: „Läuft bei mir!“. Bald ist die Halbmarathonmarke erreicht. Dann sind es immer noch zwei Kilometer bis ich das Tempo erhöhen möchte. Von einer Endbeschleunigung will ich aber gar nicht reden. Einfach mal versuchen, was geht. Der Abdruck ist jetzt auf dem nassen Asphalt wesentlich stärker und ich nehme automatisch eine angespannte und aufrechte Haltung ein. Kontinuierlich steigere ich mich nun auf 4:30. Sofort merke ich wie die Anstrengung deutlich zunimmt. Wieder ein Kontrollblick auf die Uhr: 4:25. Sofort nehme ich das Tempo raus. Ja nicht überpacen. Es ist auch so mühsam genug.

„Durch die zu hohe Intensität sind ist meine Muskulatur vollkommen übersäuert.“

Kilometer 26: Ich habe immer mehr Schwierigkeiten das Tempo zu halten. Aber es sind noch mehr als fünf Kilometer bis zum Auto. Und ich bleibe drauf. Die zusätzlichen Kilos machen sich jetzt aber deutlich bemerkbar. Und so ist auch einen Kilometer später Schluss mit Lustig. Ich bin sauer. Im wahrsten Sinne des Wortes. Durch die zu hohe Intensität sind ist meine Muskulatur vollkommen übersäuert. Ich laufe langsam bis zum Ausgangspunkt zurück. Ein bisschen über 31 Kilometer stehen heute auf meiner Uhr.

Natürlich bin ich im ersten Moment etwas enttäuscht. Aber was konnte ich erwarten? Nach dieser langen Pause während der direkten Vorbereitungsphase? Ja, heute wurde ich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Heute wurde mir wieder bewußt, wieviel Training in einem Marathonlauf eigentlich steckt. Noch drei Wochen bis zum Start und ich habe noch keine Ahnung, wie ich da halbwegs vernünftig durchkommen soll. Ja, „durchkommen“  wird in Salzburg mein Ziel. Das ist die Realität!

 

09. April 2016