ALLES-ODER-NICHTS-LAUF

Sorgfältig schnüre ich meine Schuhe – meine schnellen Trainings-Rennschuhe. Vier Millimeter Sprengung. Mit so einem Fußbett laufe ich am liebsten. Ich atme tief durch und konzentriere mich nochmal. Der Puls ist bereits im orangen Bereich. Ich prüfe die Uhr und achte nochmals darauf, ob ich kompakt in den Schuhen stehe. Denn heute ist es nicht irgendein Training, heute geht es um – nicht mehr und nicht weniger als – meine Motivation. Es geht um den Aufbau meines Selbstvertrauens für die kommenden Bewerbe. Es ist ein „Alles-oder-Nichts-Lauf“. Wenn ich es erfolgreich beenden kann, bin ich top-motiviert. Und wenn nicht, dann …. daran möchte ich gar nicht denken.

Die Vorgaben sind höllisch. Es ist das erste gewissenhafte und planmäßige Intervalltraining seit meinem Aufbautraining. Und dieses möchte ich natürlich so gut wie möglich beenden – auch wenn am Schluß die Lunge förmlich brennt.

Ich beginne mit dem ersten Teilstück einer tempogesteigerten, langen Treppe hinunter. 6000 Meter auf dem feuchten Schotterbelag. Der Beginn fühlt sich noch relativ  locker an. Aber was wird mich noch erwarten? Ich laufe deutlich langsamer als das  geplante Marathontempo. Aber was ist meine geplante Marathonpace? Ich hoffe, ich werde es bald wissen. Nach zwei, drei Kilometer merke ich, daß ich einige Sekunden schneller als die Vorgabe bin und ich versuche mich zu bremsen. Es wird noch wesentlich anstrengender werden. Kurzfristig überlege ich, die Trabpause zwischen dem ersten und zweiten Tempoturn zu streichen und nach sechs Kilometer gleich das Tempo zu erhöhen. Ich lasse den Plan jedoch nach kurzem Überlegen wieder fallen, denn schließlich möchte ich die Vorgabe unbedingt bis zum Ende erfüllen.

„Ich atme wieder tief durch. Der Puls beruhigt sich langsam.“

Also, nach einer kurzen Trabpause erhöhe ich das Tempo ein weiteres Mal, um die nächsten fünf Kilometer in Angriff zu nehmen. Wieder muss ich zu Beginn Acht geben, dass ich nicht zu schnell werde, und mir eventuell am Ende die Luft fehlt. Alle hundert bis zweihundert Meter werfe ich einen Kontrollblick auf die Uhr. Es ist schon etwas kräftezehrender, aber ich bin ganz darauf konzentriert die Pace die gesamten fünf  Kilometer halten zu können. Ich gebe zu, je länger ich laufe, desto müder werde ich und desto beschwerlicher wird es. Und ich freue mich schon auf die kommende Trabpause. Nach dem befreienden Signal meiner Laufuhr, genieße ich die lockeren Schritte und bereite mich mental auf das nächste Teilstück vor.

Vier Kilometer und nochmals einige Sekunden schneller. Und nach nicht mal einem Kilometer tut es schon weh. Ich bin schlagartig an meiner derzeitigen Belastungsgrenze angelangt und der Puls ist auch deutlich gestiegen.

Ich ahnte dass es hart werden würde. Ich habe mich von Beginn an darauf eingestellt. Und jetzt ist dieser Punkt erreicht. Aber ich versuche nicht nachzugeben. Ich versuche mit allen Mitteln das Tempo halten zu können. Noch ein Kilometer bis zum erlösenden Signalton. Oft bin ich schon tausend Meter im anaeroben Bereich gelaufen. Ich kenne das Gefühl. Wenn man alles gibt, wenn man nicht nachgeben will und sich immer weiter anspornt. Meter für Meter. Ich werfe noch mal alles in die Waagschale. Das Tempo wird zwar automatisch ein wenig langsamer, aber ich versuche dranzubleiben. Und dann endlich habe ich es geschafft. Nochmals eine Trabpause. Ich versuche mich zu stabilisieren. Ich atme wieder tief durch. Der Puls beruhigt sich langsam.

Als Draufgabe habe ich noch 2000 Meter im Renntempo vor mir. Ich bin völlig erschöpft, aber ich versuche mich nochmal aufzurichten. Nochmal die Konzentration hochzuhalten. Nochmal alles zu geben.

„Ich habe meine ganze Energie und Willenskraft in dieses Training gelegt.“

Ich beschleunige, aber meine Beine sind bereits schwer. Nach wenigen Sekunden erreiche ich die vorgegebene Pace, aber mir ist bald bewußt, dass ich das Tempo nicht bis zum Ende halten kann. Immer wieder falle ich ab und beschleunige von neuem. Es ist dunkel und ich kann die Zahlen nicht mehr von der Uhr ablesen.  Sehnsüchtig warte ich auf den Ton, der mir die ersten tausend Meter signalisiert. Aber er will nicht kommen. Ich strenge mich unheimlich an, und ringe um jeden Meter. Dann endlich höre ich das Signal. Jetzt nochmal tausend. Aber ich muss abbrechen. Ich bin völlig erledigt.

Ich habe meine ganze Energie und Willenskraft in dieses Training gelegt. Ich habe alles gegeben. Ich konnte es zwar nicht ganz zu Ende bringen, nichtsdestotrotz nehme ich aber viel Motivation für die kommenden Wochen mit. Ich bin zwar noch meilenweit von meinem letztjährigen Leistungsniveau entfernt, ich merke aber, dass ich mich wieder kontinuierlich verbessern kann. Und somit auch meinen Zielen wieder näherkomme.

Das spornt mich für die kommenden Wochen und Tage bei meinen Trainingseinheiten an.